Georg Chaimowicz’ letzte Schaffensperiode im Kunstraum am Schauplatz. - © Artfoundation 2014
Georg Chaimowicz’ letzte Schaffensperiode im Kunstraum am Schauplatz. - © Artfoundation 2014

Auf dem Papier liest sich die Biografie von Georg Chaimowicz wie eine der zahlreichen schrecklichen Lebensläufe von zur Flucht gezwungenen Juden. Aber Chaimowicz, der am 3. Juni 1929 in Wien geboren und mit seiner Familie 1938 aus der Stadt vertrieben wurde, begann schon in jungen Jahren im Exil in Bogota, die Schrecknisse der Verfolgung, der Vertreibung und Ermordung seiner Verwandten und deren Freunde durch die Nationalsozialisten künstlerisch aufzuarbeiten.

Mit zehn Jahren machte er sich daran, die Erniedrigungen, Diskriminierungen und Beleidigungen, die ihm widerfuhren, zeichnerisch zu dokumentieren. Einerseits spiegelt sich in frühen Arbeiten kindliche Hoffnung wider, wie in der Arbeit mit dem Titel "King Kong erdrückt den kleinen Hitler", andererseits ist in Arbeiten der folgenden Jahre schon ein Zug zu Zynismus und Zorn zu erkennen.

Im Jahr 1949 kehrt er mit seiner Familie nach Wien zurück und beginnt an der Akademie der Bildenden Künste bei Sergius Pauser und Herbert Boeckl zu studieren. Schon am Anfang seines Studiums muss er feststellen, dass sich in Österreich nicht viel verändert hat: "Aus dem verwöhnten Judenpinkel wird sowieso nix", wurde ihm bei der Aufnahme von einem Professor despektierlich nachgesagt. Bis zu seinem Tod im Juni 2003 hat Chaimowicz mehr als 26.000 Arbeiten geschaffen.

Aufarbeitung der Shoah


Die Aufarbeitung der Shoah und des Nationalsozialismus waren prägende Themen seiner Werke, aber auch die Auseinandersetzung mit seiner Person spiegelt sich wider. Gerade in den reduzierten, abstrakten Zeichnungen und collagehaften Arbeiten aus den letzten Lebensjahren kann seine Verzweiflung an der Umwelt und der Gesellschaft herausgelesen werden. Und die Verzweiflung war eines seiner hervorstechenden Charaktermerkmale. Verzweiflung an Menschen und Gesellschaft, weil es ihnen seinem Verständnis nach nicht gelang oder gelingen wollte, sich von Faschismus und Antisemitismus zu distanzieren. Seine nächtlichen, oft harten Streits mit Politikern, Künstlern und Galeristen, die manchmal in gegenseitigen Anzeigen und Gerichtsverfahren mündeten, sind in bis heute in Erinnerung geblieben. Es war diese Offenheit und sein absolut undiplomatisches Vorgehen, die dafür verantwortlich waren, dass er und sein Werk erst in den letzten Jahren vor seinem Tod offizielle Auszeichnungen erhielten.

"Er war plötzlich weg", meinte Rudolf Scholten in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung "Georg Gelernter" (der Titel bezieht sich auf den Namen Chaimowicz’ in Robert Schindels Roman "Der Kalte") im Kunstraum am Schauplatz. Mehr als elf Jahre nach Chaimowicz’ Tod ist es dem Kurator Benjamin Ari Kaufmann gelungen, eine umfassende Werkschau des Künstlers zusammenzustellen. Kaufmann konzentriert sich auf Arbeiten der letzten Schaffensperiode. Intensive Zeichnungen, ausdrucksstarke abstrakte Malereien und kleine Skulpturen bringen dem Besucher das Verzweifeln des Künstlers an sich und seinem Umfeld nahe. Eine Ausstellung, die hoffentlich dazu beiträgt, diesen widersprüchlichen wie beeindruckenden Künstler wiederzuentdecken.