• vom 05.08.2014, 16:12 Uhr

Kunst

Update: 05.08.2014, 16:36 Uhr

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Der Baum hat einen Vogel




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Unglaublich: Das Selbstporträt von Bernard Ammerer besteht nur aus Strichmanderln!

Unglaublich: Das Selbstporträt von Bernard Ammerer besteht nur aus Strichmanderln!© Galerie Frey Unglaublich: Das Selbstporträt von Bernard Ammerer besteht nur aus Strichmanderln!© Galerie Frey

(cai) Ja, anfangs war ich etwas skeptisch. ("Na toll. A Baumumarmerin.") Und am Ende hab ich im Keller der Galerie Jünger selber eine Klangskulptur umschlungen und verzückt an den montierten Saiten gezupft. (Und hab mich tatsächlich mit dem einstigen Baum verbunden gefühlt. Vielleicht weil man diesen Instrumenten den Baumstamm noch ansieht, während ein Cello wie ein Schnitzel ist, das es sich nicht anmerken lässt, wo es herkommt.)


Aber Elisabeth von Samsonow sagt halt so Sachen wie: "Ich bin der Vogel meines Baums. Weil ich glaube, dass das Zwitschern der Vögel die Bäume in unglaubliche Ekstase versetzt." Was soll man sich da denken? Und wenn sie sich einen geblümten Lampenschirm aufsetzt und wie ein Vogerl pfeift oder hypnotisierende Töne singt und dabei mit dem Geigenbogen durch ihr "Wäldchen" wandelt? ("Jetzt verkleidet de sich a noch als Elfe!") Die Objekte, die überhaupt sehr verspielt sind (bunte Federn tragen) und mit ihren Pferdeköpfen und Gesichtern ein bissl an Totempfähle erinnern, tun allerdings nur so primitiv. Ihnen gehen komplexe Gedanken voran. (Samsonow ist ja eine Philosophin.) Über Mensch und Baum. ("Die Lunge mit den verzweigten Bronchien - als hätten wir einen Baum verschluckt. Und die Bäume machen die Luft für den Menschen.") Und Holz ist sowieso intelligent. ("In einem Baum ist so viel Silizium drin wie in einem Großrechner von Apple. Das ist ein prätechnischer Computer." - Ob mein Schneidbrettl ein Laptop ist?)

Im Parterre spielt Rudolf Goessl (Jahrgang 1931) sein Streichinstrument (den Pinsel) in alter Frische. Tiefe, intensive Farbräume. Abstrakte Andachtsbilder (eine Linie suggeriert ganz unaufdringlich den Horizont), an denen also auch eine streng ungläubige Atheistin ihre Freude haben kann.

Galerie Jünger
(Paniglgasse 17 a)
"Geo Punk", bis 23. August
Tel.: 0664/111 4771

Die Nase läuft wie Usain Bolt

(cai) Dass die Nase läuft, ist ja nichts Ungewöhnliches. Aber beim Bernard Ammerer rennt gleich das ganze Gesicht. (Und damit ist nicht gemeint, dass er so heftig schwitzt.) Könnte sein Gesicht obendrein noch schwimmen und Rad fahren, könnte es beim Ironman mitmachen. Kaum zu glauben, dass dieses realistisch gezeichnete Selbstporträt aus lauter Strichmanderln besteht, die auf dem Papier wild herumflitzen.

Springinkerln sind ja Ammerers Markenzeichen. Die Menschen haben jedenfalls auch in seinen Gemälden Hummeln im Hintern. Rasen zu Fuß auf der Autobahn, springen über die Leitplanke, sprinten abgehetzt durch die Natur. Man kann’s freilich auch übertreiben und das Bild so vollstopfen, dass sich alle beim Hüpfen schon gegenseitig im Weg sind. (Oder geht’s da um die individuelle Freiheit in der Masse?) Diese Kunstrichtung nennt man trotzdem nicht Action Painting. Dort macht nämlich der Maler (oder die Farbe) viel Bewegung, nicht das Modell (das es außerdem gar nicht gäbe, weil es sich um abstrakte Kunst handelt). Allegorien der hektischen, rastlosen Zeit? Oder werfen die Leiberln beim Herumtollen einfach geilere Falten als beim Herumstehen? Obwohl: Zwischendurch machen die sportlichen jungen Leute eh eine Verschnaufpause. Einer benimmt sich sogar wie Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer". Die vor romantischer Kulisse innehaltende Rückenfigur zieht den Betrachter in die beschaulichen, hingebungsvoll gemalten Gefilde hinein.

So naiv intakt ist die Landschaft sonst nicht. Eher ein kahles Raster. Gut, da und dort zeigt die Malerei Schwächen (wenn ein Loch nicht im Boden zu sein scheint, sondern auf dem Boden liegt). Dafür machen die Zeichnungen wunschlos glücklich. Ein Blatt kritzelt der Ammerer wie besessen mit den Wörtern "Thank you nature fuck you nature" voll, bis am Ende eine unglaublich dichte Landschaft mit Autobahn herauskommt. Und ein Mädel hat er insgeheim "gebaselitzt". Die Physiognomie ist richtig herum, aber die Schrift ("person") steht auf dem Kopf. Da hat wohl einer die Sache mit der "Handschrift des Künstlers" wörtlich genommen.

Galerie Frey
(Gluckgasse 3)
Bernard Ammerer
Bis 13. September
Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 14 Uhr




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-08-05 16:17:04
Letzte Änderung am 2014-08-05 16:36:50


Bildende Kunst

Claudia Larcher

Geboren 1979 in Bregenz, 2001- 2005 Studium Medienübergreifende Kunst bei Prof. Bernhard Leitner, Universität für Angewandte Kunst... weiter




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Catharina Freuis

Geboren 1985 in Wien; 2004- 2011 Studium der Bildenden und Medialen Kunst, Fotografie, an der Universität für Angewandte Kunst Wien... weiter




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Geboren 1976 in Klagenfurt; 2001- 2007 Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien und an der Bauhaus-Universität in Weimar; zahlreiche... weiter





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