Doch auch politische Ereignisse wie die Pariser Studentenrevolten im Mai 1968, die Picasso am Fernsehen verfolgte, thematisiert der Künstler in einigen seiner Werke wie einer Radierung mit Karren der Französischen Revolution auf dem Weg zur Guillotine. Auch De Gaulles damalige Fernseh-Rede macht er lächerlich, in dem er den französischen Präsidenten mit entblößtem Geschlecht vor zwei nackten Frauen zeichnete.

Das Fenster zur Welt


Lebrero gibt zu bedenken, dass Picasso zu jenem Zeitpunkt bereits über 80 Jahre alt war, alles erreicht hatte und kaum noch reiste. Als lebende Legende schottete er sich in seiner Villa La Californie in Cannes und später in der Villa Nôtre-Dame-de-Vie in Mougins weitgehend vom Trubel der Côte d’Azur ab. Er lud nicht oft Besuch ein. Brigitte Bardot und Gary Cooper waren Ausnahmen.

Durch den Fernseher jedoch konnte Picasso das Zeitgeschehen verfolgen. Er übernahm dabei nicht nur die TV-Bilder als Motive einiger seiner Werke, sondern auch filmische Erzähltechniken. So kreierte Picasso beispielsweise seine berühmte Grafikserie "Suite 347" ganz im Stil der neuen Fernsehsprache, wie man an der Szenenfolge seiner bekannten Celestina-Serie sehen kann.

Es war Madeline, die im
Auftrag des Picasso-Museums Málaga die Verbindung zwischen dem Fernsehen und Picassos Kaltnadelradierungen und Aquatinta-Blättern erforschte. Dabei konnte sie für die Expositionen neben Werken aus den Picasso-Museen in Málaga und Münster auch auf Werke wichtiger Privatsammlungen und der valencianischen Stiftung Bancaja zurückgreifen, um diese bisher unbekannte Verbindung zwischen Picasso und dem Fernsehen aufzuzeigen.

Der Schöpfer von monumentalen Gemälden wie "Guernica" (1937) oder "Les Demoiselles d’Avignon" (1907) verbrachte anscheinend Stunden vor der Mattscheibe. Dabei war es Picassos Frau und Muse Jacqueline Roque gewesen, die sich die Flimmerkiste aus Langeweile anschaffte, weil der Künstler stets im Atelier malte. Picasso verachtete den Fernseher zunächst sogar.

Im Fernsehfieber


Eine große Programmauswahl bot sich ihm damals auch nicht. Nur drei Sender konnte der Künstler empfangen: die beiden öffentlichen französischen Staatskanäle und den Sender Monte Carlo.

Dennoch ließ er sich schnell vom Fernsehfieber anstecken. Sein enger Freund und Biograf John Richardson erinnert sich an den Moment, in dem Picassos anfängliche Abneigung gegenüber dem Fernseher in Interesse überging: "Diese Anschaffung übte nur wenig Faszination auf den Künstler aus, bis zu dem Tag, an dem er das Catchen entdeckt hatte." Spätestens 1960 hatte Picasso Geschmack am trivialen Fernsehen gefunden, als er die Übertragung der Hochzeitszeremonie der englischen Prinzessin Margaret live erlebte.

Dass Picasso, der vielen als intellektuelles und universales Jahrhundertgenie gilt, zu vielen seiner Werke vom trivialen TV inspiriert wurde, sei nach Meinung von José Lebrero nicht nur eine interessante Neuheit, sondern auch wichtig: "Der Fernseher löste bei Picasso ab 1968 nahezu einen neuen Schaffensrausch aus. Gleichzeitig vermenschlicht ihn diese Begeisterung für eine Volkskultur ein wenig."