• vom 09.09.2014, 15:51 Uhr

Kunst

Update: 09.09.2014, 16:56 Uhr

Ausstellungskritik

Ein Schiff im Schneesturm




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Jüdisches Museum: Südbahnhotel am Semmering in Fotografien von Yvonne Oswald.

Die Magie des verblassten Glanzes fangen Yvonne Oswalds Bilder ein.

Die Magie des verblassten Glanzes fangen Yvonne Oswalds Bilder ein.© Yvonne Oswald Die Magie des verblassten Glanzes fangen Yvonne Oswalds Bilder ein.© Yvonne Oswald

Die in Salzburg geborene Fotografin Yvonne Oswald beschreibt ihre Fotoserie über das 1976 stillgelegte Südbahnhotel am Semmering poetisch "Am Zauberberg der Abwesenheit" und spricht von der speziellen Aura, die sie auch mit einem Film eingefangen hat. Doch die Geschichte des Hauses und der ganzen Region lässt sich natürlich nicht ganz wegdenken, zurück in Zeiten von Fräulein Else, verloren im Nebel, und die Anwesenheit der Dichter Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Robert Musil, Stefan Zweig, Felix Salten oder Karl Kraus. In dem Luxushotel verkehrten nach 1900 neben Politikern, Aristokraten und Sportlern auch die Intellektuellen von Sigmund Freud bis Alma Mahler-Werfel, die dort wohl mehr an Gespräch, Spaziergang und vielleicht auch Tanz zu Jazzbands als an der Sprungschanze und - ab den 1930er Jahren - dem funktionalen Schwimmbad interessiert waren.

Information

Ausstellung
Das Südbahnhotel - Am Zauberberg der Abwesenheit
Danielle Spera (Kuratorin)
Jüdisches Museum, bis 11. Jänner 2015


Mit 1938 war auch die neusachliche Moderne zu Ende, deutschnationale Dichter schimpften über das "Sündenbabel" am Semmering und die Nationalsozialisten erklärten die Gegend als "judenfrei". Erst in den 60er Jahren kehrten einige wenige Überlebende zurück; zu wenige, um noch einmal an die große Zeit des Luftkurorts an der Südbahn anzuschließen, denn nun war Italien angesagt und statt Zug privater Autoverkehr. Ganze 75 Jahre, vom Bau des Hotels 1882 und der Erschließung des Gebiets durch die Semmeringbahn 1854, bis zur Vertreibung und oft auch Ermordung der zumeist jüdischen Gäste, dauerte die glanzvolle Ära des erst "Semmeringhotel" genannten Südbahnhotels.

Der erste Direktor war Vinzenz Panhans, der danach den bekannten Konkurrenzbau eröffnete. Dreimal wurde umgebaut, die Phase um 1902/03 prägte die unterschiedlichen Zimmer und Möbel im zeitgemäßen Jugendstil. Die Eigenart der Außenverzierungen der Architektur mit Holz brachte der frühen Tourismusregion die Spezialität des "Semmeringstils".

Das leere Hotel
Nach Nutzung als Gefechtsstand im Krieg und vielfachem Besitzerwechsel nach dem Zweiten Weltkrieg sind von der Jahrhundertwende noch Möbel, Tapeten, Bilder und Lampen vorhanden, die für die Fotografin neben Fenstern, Türen, Gängen und Einblicken in die großen Säle und Salons, die Faszination ihrer fünfjährigen Recherche mit der Kamera ausmachten. Beeindruckt war sie auch von der Kälte des ungeheizten und nur durch gebrochene Fensterscheiben durchlüfteten Baus. Während eines Schneesturms im Winter fühlte sie sich wie in einem Schiff und die Stille in den oft vom Nebel dominierten Monaten beeindruckte sie auch positiv.

Oswald trieb also nicht eine eigene sentimentale Zeitreise im Sinne von Andrei Tarkowskis "Nostalghia" um; wenngleich auch er das untergegangene russische Reich zu eigenen Assoziationen beschwörend mixt. Die Fotografin hat die Tagebücher, Briefe und Passagen in der Literatur der bekannten Besucher gelesen, daneben bannt sie auch die banalen Sprüche, die noch an den Wänden zu finden sind - das Beispiel "Die Halle ist für alle" stammt allerdings aus Schnitzlers "Weitem Land". Über diese Soziologien des Südbahnhotels schreibt Wolfgang Kos neben Eric Kandel und Elisabeth von Samsonow im Katalog.

Im Zuge der Festspiele von Reichenau war Oswald 2009 erstmals in das leer stehende Hotel gekommen und ließ sich bald danach auf die Spurensuche ein, mit der einzigen Erlaubnis in den letzten Jahren, im ständig bewachten Haus mit fragwürdiger Zukunft zu arbeiten. Auch wenn einige Wohnungen darin vergeben sind, herrschen Frost und Leere vor, eine Revitalisierung erscheint fraglich.

Oswald, Schülerin von Friedl Kubelka, die nach der Angewandten in Wien auch in Paris und New York studiert, nutzt Spiegelungen zur Belebung, oder fängt durch blinde Stellen und wellige Oberfläche eine Atmosphäre ein, die nur durch die Kameraführung suggeriert, dass sich etwas bewegt. Einen Anstoß, dass den heutigen Besitzern, einem Team von Kliniken aus Bayern, etwas dazu einfällt, gibt die Schau auf jeden Fall.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-09 15:56:04
Letzte Änderung am 2014-09-09 16:56:26


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