Gwangju. Als Hong Sung-dam zur Mittagsstunde des 16. April seinen Fernseher einschaltet, sieht er nicht nur grausame Bilder, die ein ganzes Land nachhaltig in Schockstarre versetzen werden. Er sieht auch, wie sich sein ganz persönliches Jugendtrauma zum zweiten Mal wiederholt.

Als Kunststudent war Hong Teil jener Protestbewegung, die in seiner Heimatstadt binnen weniger Tage 200.000 Menschen gegen die Militärdiktatur mobilisierte. Kaum anderthalb Wochen später, am 27. Mai 1980, eskalierte der Gwangju-Aufstand in einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren Vergangenheit des Landes: In einem regelrechten Blutbad schoss die Armee über zweitausend Menschen nieder, darunter viele von Hongs Freunden.

34 Jahre später, nachdem Südkorea nicht nur einen einzigartigen Wirtschaftsaufschwung, sondern auch den Übergang zur Demokratie vollbrachte, ertrinken beim Sewol-Fährunglück 250 Schüler im Gelben Meer. Unter ihnen auch ein 17-jähriges Mädchen, das regelmäßig in Hongs Atelier vorbeischaute, um sich mit Aushilfsarbeiten etwas dazuzuverdienen. "Die Parallelen sind eindeutig", sagt der 59-Jährige: "Der Grund, warum so etwas passieren kann, sind skrupellose Unternehmer, korrupte Bürokraten und eine verantwortungslose Regierung. Die Sewol-Tragödie war auch eine Art Massaker, eine Form von staatlicher Gewalt."

Aufarbeitung der Traumata


Als die Kuratoren der Gwangju Biennale Hong wenig später darum baten, ein Gemälde für die diesjährige Sonderausstellung anzufertigen, lag es für ihn auf der Hand, die beiden nationalen Traumata in einer Montage zu verbinden. Er holte die Bürger von Gwangju an den runden Tisch, diskutierte mit Schülern, Theaterschaffenden und Vertreter von NGOs. Basisdemokratisch entstand eine zehn Meter breite Leinwand, auf der die Sewol-Fähre kopfüber im Meer versinkt, zwielichtige Geheimdienstmitarbeiter mit verdunkelten Brillen ihr Unwesen treiben und die Silhouette des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un in Flammen aufgeht. Das Gemälde steht in Einklang mit einer Biennale, die sich seit ihrer Gründung im gesellschaftlichen Hier und Jetzt verortet sieht.

Dennoch sorgt nun ebenjenes Werk - genauer gesagt: ein Ausschnitt davon -, dass die Gwangju-Biennale in ihrem zwanzigjährigen Jubiläum ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren droht. Grund des Anstoßes ist die Präsidentin Park Geun-hye, die, im Bild als Vogelscheuche entstellt, von ihrem Vater, dem Militärdiktator Park Chung-hee wie eine Marionette gezogen wird. Die Botschaft ist klar: Die jetzige Präsidentin Koreas setzt die totalitären Traditionen ihres Vaters fort. Wieder einmal wurde die Kunst von der Realität eingeholt: Zu anstößig sei das Bild, befand die Stadtregierung, mit umgerechnet zweieinhalb Millionen Euro Hauptsponsor des Kunstfestivals. Nach immensem politischen Druck hat die Biennale das Werk zurückgezogen.