London. Bestickte Tüchlein und sittsam bedruckte Teetassen wären gewiss auch Queen Victoria nicht fremd gewesen. Und mit Spielkarten war auch ihr jung verstorbener Gatte, Prince Albert, noch vertraut.

Was aber hätte das hohe Paar, nach dem eines der bekanntesten Museen in London benannt ist, mit Spielkarten angefangen, die in Wirklichkeit Steckbriefe von Ministern Ihrer Majestät waren, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden? Oder mit einem von Sylvia Pankhurst entworfenen Tee-Service, das das Emblem des Sozialen und Politischen Frauenverbandes trug - und mit dessen Hilfe die Sufragetten die guten Stuben Englands zu unterwandern suchten?

Mit derart "ungehorsamen Objekten" wartet in diesem Sommer eine an Überraschungen reiche Ausstellung im V&A, dem Victoria and Albert Museum, auf. Zu sehen sind Gegenstände, die über die Jahre zu Mitteln des Protests, zu unterschiedlichen Formen des Aufbegehrens, geworden sind.

Ungehorsam sind dabei natürlich nicht die Objekte. Sondern die, die sie entwarfen, ausdachten, umfunktionierten oder mit neuer Absicht in die Hand nahmen. Ein ebenso wunderliches wie beeindruckendes Sortiment dokumentiert hier einen unerschöpflichen Erfindergeist im Kampf gegen "die Oberen". Eine Innovationslust, die noch kleinste Dinge benutzte oder umgestaltete, um grosse gesellschaftliche Veränderungen zu erzielen.

Zu den bescheidensten Objekten gehören dabei solche wie die unterm Aufschlag getragenen Solidarnosc-Abzeichen der polnischen Rebellion der achtziger Jahre. Oder die zahllosen Protest-Buttons gegen Apartheid in Südafrika. Rote Federn, die sich Demonstranten in Kanada ins Haar steckten. Und kunstvolle "Hundemarken", die Häftlinge in US-Gefängnissen herstellten, um jahrelange Einzelhaft von Mitgefangenen anzuprangern.

Am andern Ende stehen Prunkstücke des Protests - wie der mit knallbunten Mosaiken verkleidete "Tiki Love Truck"-Laster, der die Totenmaske des vor sieben Jahren in Texas hingerichteten John Joe "Ash" Amador zu Schau trägt. Mit diesem Vehikel suchten Freunde und Familie Amadors gegen die Todesstrafe zu protestieren.

Ein Video zeigt, wie sie die Leiche des just Getöteten aus dem Gefängnis schleppten, um Amadors Totenmaske in aller Eile anzufertigen. Der Hingerichtete hatte bis zuletzt darauf bestanden, unschuldig zu sein. Der rundum dekorierte Laster, der der Phantasie Frida Kahlos entsprungen sein könnte, sollte weit über Texas hinaus Aufmerksamkeit erringen. Er sollte Empörung in alle Lande tragen.

Selbstgebasteltes wie der "Love Truck" gehört zur Essenz der Show der "ungehorsamen Objekte". Handzettel mit Anleitungen zum Selbstbasteln von Tränengas-Masken, mit Hilfe von Plastikflaschen, werden Besuchern zum Mitnehmen angeboten. Wie man aus zwei alten Fahrrädern, zwei Lautsprechern und einem Laptop einen vierrädrigen "Bike Bloc" für Protest-Kundgebungen macht, wird demonstriert. Mit "Lock-on"-Vorrichtungen lernt man, sich fest anzuketten.

Auch Abwehrschilde für allerlei Zusammenstösse mit dem Arm des Gesetzes kann man selbst herstellen. Schutzschilde für Demos zur Bildungspolitik sollen auf der Abwehrseite überdimensionale Buchtitel zieren - damit es so aussieht, als ob Polizisten auf Bücher eindrischt. Wer am Ende physisch immer unterlegen sein wird, bei solchen Zusammenstössen, will wenigstens ein moralisches Sieglein erringen. Und mit Gewitzheit Punkte sammeln, in der weiteren Öffentlichkeit.

Das wohl populärste Objekt in diesem Rund wehrhafter Kuriositäten ist dabei der aufblasbare Pflasterstein: Ein riesiger, schwer nieder zu haltender "cobblestone" aus Gummi, mit dem die Uniformierten ihre rechte Plage haben. Mit diesem luftigen Stück Stein greift der Protest ins Theatralische hinüber. Er tut es so locker wie effizient.

Ein anderes, historisch erprobtes Requisit ist die orangefarbene Filzkappe, die 1988 von 10.000 polnischen Demonstranten bei einem "Zwergenaufstand" getragen wurde. Wie nimmt es sich aus, wenn die Staatsmacht Zwerge verprügelt - und Leute wegen des Tragens orangener Filzkappen hinter Schloss und Riegel setzt?

Auch zum Gedenken an Lateinamerikas "Verschwundene" mit Motiven bestickte Taschentücher oder gehäkelte Decken gehören zu den "ungehorsamen Objekten". Und Pfannen und Topfdeckel, die zu lärmenden Protesten benutzt worden sind. "Wir wollten die kollektive Kraft zeigen, die häusliche Objekte wie diese haben können, wenn man sie sich schnappt und ihnen mit politischer Absicht eine neuen Zweck verleiht", meint Gavin Grindon. Grindon hat mit seiner Kollegin Catherine Flood die Show im V&A zusammen gestellt.

Was beide vor allem versucht haben, ist, Protestobjekte aus jüngerer Zeit, aus den letzten dreissig Jahren, beizubringen. Eine wild blinkende elektronische Weltkarte illustriert die Fülle friedlicher Aufstände in der Welt, von 1979 an. Feministische Bewegungen, wie die Gorilla-Masken tragenden "Guerilla Girls", die gegen Benachteiligung von Frauen im Kunstbereich protestieren, sind dazu zu zählen. Und natürlich vielerlei Formen von Rebellion gegen die Hochfinanz - von trotzigen Occupy-Bannern bis zu selbstgemachten Postkarten, die "Schulden-Opfer" bekannter Grossbanken ausweisen.