Sie leidet. Harding Meyer hat ihr das Make-up verwischt. - © Galerie Frey
Sie leidet. Harding Meyer hat ihr das Make-up verwischt. - © Galerie Frey

(cai) Müsste ich die Kunst von Norbert Brunner mit einem einzigen Satz beschreiben, wäre der ein Zungenbrecher: Wenn Pixel wie Pickel neben Pixeln picken, picken Pixel wie Pickel nebeneinander. Punkt.

In der Bäckerstraße 4 fühlt man sich ständig beobachtet. Aber nicht, weil die vielen Punkterln lauter Pupillen wären. (Punkterln? Sind Pixel nicht quadratisch?) Sondern wegen der eindringlichen Augenpaare. Auch wenn die eh kleiner sind als die im Pariser Flagshipstore von Guerlain. (Wieso Augen und nicht Nasenlöcher? Ach so, von Guerlain gibt’s ja nicht mehr nur Parfums.) Die Bildpunkte scheinen in diesem markanten, vielschichtigen Pointillismus luftig zu schweben, weil der bis nach Japan bekannte Vorarlberger (mit Ateliers in Wien und New York) sie auf mehrere Plexiglasscheiben verteilt, die er wiederum hintereinander montiert. Eigentlich Sehtests. Schaust du noch oder siehst du schon? Nämlich die Botschaften im Pixelgestöber. Etwa die "10 Gebote+", die eher Erlaubnisse sind ("We are allowed to be happy, make mistakes. . ."), während der Künstler aus der Bibel und aus Schulbüchern Papierflieger macht. (Heißt das, dass die Gedanken frei sind, oder will er diese speziellen in den Wind schießen?)

Diese motivierenden Arbeiten haben also nicht bloß optischen Tiefgang. Nicht einmal, wenn funkelnde Swarovski-Kristalle in die virtuellen Tiefen eines Spiegels abtauchen und sich zu einem Wort formieren, als wär’s ein Sternbild: "recognize." Erkenne dich selbst? Und damit ihn kein Staubflankerl beim Werken stört, läuft Norbert Brunner sogar herum wie Woody Allen als Spermium. (Okay, ohne Hornbrille.) In einem mobilen, staubfreien Raum. Ja, darf er denn das? Schließlich heißt es nirgends in den Zehn Erlaubnissen: "We are allowed to. . . be perfect."

Bäckerstraße 4
Norbert Brunner, bis 24. Oktober
Di. - Fr.: 11 - 19 Uhr
Sa.: 11 - 17 Uhr

Eine dritte Lippe riskiert

(cai) Diese Bilder sind eigentlich eine Zumutung. (Außer vielleicht für Angelina Jolie und Gisele Bündchen. Weil die schauen ja selber so gut aus.) Ich weiß jetzt jedenfalls, wie sich Schneewittchens böse Stiefmutter gefühlt haben muss. Aber die hat wenigstens nur auf ein Schneewittchen eifersüchtig zu sein brauchen. Und nicht gleich auf 20 auf einmal. (Danke, Harding Meyer!)

In der Galerie Frey ist man umzingeltvon vollen Lippen und überirdischer Schönheit. Was hat es nun zu bedeuten, wenn der Lippenstift verschmiert ist? Dass eine neidische Betrachterin das Gemälde mit einem vergifteten Apfel beworfen hat, bevor die Farbe trocken war? Und die anderen Sabotageakte erst. Nein, der Künstler hat in die Gesichter ohne Fehl und Akne eh nicht brutal ein Wimmerl hineingemalt. Oder eine Falte. Höchstens eine dritte Lippe oder Pupille. Als hätte er selber geschielt oder sein Pinsel hätte gestottert. Geht’s da um Gewalt gegen Frauen?

Ein wahrer Pinsel- und Spachtelvirtuose. Der einfühlsame Porträts von Menschen malt, die er nicht einmal persönlich kennt. Den Physiognomien aus irgendwelchen Massenmedien bläst der Brasilianer den Odem der Kunst ein. (Terpentindämpfe?) So ästhetisch, man kann sich daran gar nicht sattsehen. (Na ja, geht man halt nachher noch auf ein Schnitzerl.)

Galerie Frey
(Gluckgasse 3)
Harding Meyer, bis 10. November
Mo. - Fr.: 11 - 18.30 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr