1894 schrieb der deutsche Kunstkritiker Julius Meier-Graefe aus Paris: "Die Essenz der Kunst entdeckte ich in Lautrec, einem drolligen Zwerg auf dem Montmartre..." und verglich den Künstler mit dem bocksfüßigen Gott Pan. Dieser auf der Straße und in Tanzlokalen und Bordellen arbeitende Künstler mit verkrüppelten Beinen stammte aus einem alten französischen Adelsgeschlecht und galt seinen Modellen und Freunden als geistvoller Unterhalter voller Heiterkeit. Für Werner Hofmann ist Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) aber vor allem einer der Protagonisten an der Schwelle zur Moderne, der die Akademie und den Salon hinter sich ließ, indem er schonungslos berühmte Kollegen wie Puvis de Chavannes parodierte, die Menschen am Rande zur Karikatur so malte, wie sie waren, und sich einem neuen Medium, der Plakatkunst, verschrieb.

Schonungslose Porträts

Für seine schonungslosen Porträts wurde er von einem seiner prominentesten Modelle, der Sängerin Yvette Guilbert, als "kleines Monster" beschimpft, was ihn sicher amüsierte. Die große Schau im Kunstforum schafft mit internationalen Leihgaben den Überblick als intimen Einblick in dieses so außergewöhnliche Leben. An der Stirnwand hängt als Signet das monumentale Plakat "Moulin Rouge-La Goulue", das ab 1889 dreitausend Mal an Pariser Wänden affichiert wurde und den Ruhm des Künstlers begründete. Zwei seiner Stars sind in der typischen steilen Raumsicht unter anonymen Besuchern mit starken Farben und als Schattenriss, in heftigen Bewegungen hervorgehoben: eine Tänzerin, die Gläser der Gäste leerte und daher als Gefräßige bezeichnet wurde, hinter dem sogenannten Knochenlosen. Bekannt wie das Plakat der Tänzerin Jane Avril im roten Rock, die sehr wohl erkannte, dass Toulouse-Lautrecs Plakat von 1893 ihren Ruf mitbegründete.

Mit den prominenten Großformaten für das Kabarett Le Mirliton von Aristide Bruant, der im roten Schal mit schwarzem Mantel und Schlapphut auftrat, und anderen Werbeplakaten, etwa für einen Fotografen am Place Pigalle mit sehr direkter, aber gut getarnter Erotik, bilden diese lithografischen Hauptwerke das Zentrum der Ausstellung im großen Saal. Davor sind seine Anfänge mit Reitern und Pferdewagen in genau beobachteter Bewegung zu finden, wie auch seine prominentesten Frauenporträts. Nach Bildnissen der Mutter und der rothaarigen Carmen Gaudin, die er auf der Straße ansprach und als Wäscherin 1886 malte, auch eine Unbekannte, die im Untertitel als Sphinx bezeichnet wird. Mit seinen akademischen Studien von Aktmodellen und den Porträts konnte er trotz Anstrengungen nach dem Studium bei Léon Bonnat und Fernand Cormon nicht in die Ausstellungen des Salons gelangen.

Japanische Einflüsse

Seit 1884 trieb er sich neben wenigen Reisen in den Kabaretts, Tanzlokalen und Bordellen am Montmartre herum, seit 1886 hatte er dort ein eigenes Atelier und stellte mit einer Gruppe von belgischen Avantgardisten in Brüssel aus. Seine Leidenschaft galt dem japanischen Holzschnitt eines Hiroshige oder Utamaro, das teilte er mit seinem Freund Vincent van Gogh. Nicht nur die flache Raumdisposition, Farbverteilung und das Sujet der Clownesse kommt aus der Mode des "Japonismus"; es existieren dazu köstliche Fotos, die Toulouse-Lautrec in japanischem Kimono oder Frauenkleidern zeigen. "Die sitzende Clownesse - Mademoiselle Cha-U-Kao" gibt es wie andere Porträts in mehreren Probedrucken zu sehen, damit Besucher der Arbeitsweise auf den Grund gehen können. Die beiden letzten Räume behandeln das Leben des Künstlers ab 1892 in den Bordellen um die Pariser Oper, wo er die Ruhemomente, das Waschen und die gemeinsamen Mittagessen der Prostituierten einfing: Immer mit stark verdünnter Ölfarbe auf Karton in einer expressiven Manier des Unfertigen.

Schwer krank, durch Alkoholsucht und Syphilis gezeichnet und kaum mehr arbeitend, erleidet er 1899 einen Zusammenbruch und wird in eine Nervenheilanstalt eingeliefert, wo er nüchtern eigenwillige Zirkuszeichnungen erstellt, die neben dem späten "Messalina"-Bild präsentiert werden. Mit nur 35 Jahren folgt 1900 eine Gehirnblutung, an der er 1901 im Schloss seiner Mutter stirbt.