Henri Matisse war von diesen Textilkunstwerken fasziniert: ein Kaitag aus dem gleichnamigen Gebiet im Südwesten von Dagestan, Russland, 17. bis 18. Jahrhundert. - © Österreichische Privatsammlung
Henri Matisse war von diesen Textilkunstwerken fasziniert: ein Kaitag aus dem gleichnamigen Gebiet im Südwesten von Dagestan, Russland, 17. bis 18. Jahrhundert. - © Österreichische Privatsammlung

Die Hornissen-Köpfe sind auf dem grünen Baumwollstoff in Linien aufgenäht. Dieses "Hornissen-Tuch" aus Sema-Naga in Indien war einmal für hochrangige Krieger bestimmt. So auch das Schultertuch, in dessen Mitte ähnliche Figuren aus weißen Kauri-Schnecken aufgenäht sind, umgeben von 18 Kreisen aus ebensolchen Schneckenhäusern. Die Anzahl steht für die Kriegserfolge des Trägers.

Kleidung ist so etwas wie die zweite Haut des Menschen; insofern spiegelt sie gesellschaftliche Bezüge wider. Das führt die Ausstellung "Inspiration Textil" im Wiener Künstlerhaus sehr anschaulich vor Augen; es gelingt vor allem dadurch, dass Tribal Art hier in einen Dialog mit Textilkunst von heute tritt. Die erstmals in Österreich zu sehenden indigenen Stoffe stammen aus Afrika (unter anderem Tunesien, Kongo) und dem Nahen bis Fernen Osten (Usbekistan, Bhutan, Philippinen . . .). Bis zu 300 Jahre alt, sind sie großteils Leihgaben aus Privatsammlungen wie jener von Erwin Melchardt, der als Experte für außereuropäische Kunst und Stammeskunst auch das Dorotheum berät. Die zeitgenössischen Textilwerke kommen unter anderem aus der Artothek des Bundes, dem Museum für angewandte Kunst (MAK) sowie von Mitgliedern des Künstlerhauses. Schließlich verfolgt die mehr als 150 Jahre alte Künstlervereinigung am Karlsplatz ein offenes, interdisziplinäres Programm.

"Magische" Stoffe


Die Schau möchte "ein überzeugendes Statement gegen die geringe Wertschätzung abgeben, die textile Kunst in Österreich herkömmlich erfährt", schreibt Kuratorin Marga Persson im Ausstellungsheft. Beeindruckend mächtig wirkt etwa die raumhohe Installation des gehäkelten Kupferdrahtes von Claudia Maria Luenig: Der "Motor" schafft eine Umdrehung pro Minute.

Weiters wurde in der gegenüberliegenden Ecke im selben Raum von Luenig ein überragendes Kunstwerk aus rotem gehäkeltem Gummiband verspannt, Titel "Ad Absurdum". Es könnte aber genauso gut als "Abendrobe in Rot" durchgehen. Textile Kunst ist eben auch dreidimensional als Skulptur zu verstehen.

Die traditionellen Textilien, die die Ausstellung noch bis 2. November zeigt, dienten einst als Bekleidungsstücke oder wurden bei Ritualen verwendet. Zum Beispiel ein "Ndop" genanntes Zeremonialtuch aus Kamerun, das von der Oberschicht zu bestimmten Anlässen benützt wurde. Oder aus dem indonesischen Süd-Sumatra ein "Palepai" genanntes Schiffstuch, das von der Vorstellung getragen ist: Die Verstorbenen reisen auf Seelen- oder Totenschiffen ins Land ihrer Ahnen, welche ihrerseits die Lebenden auf solchen Schiffen besuchen. Die Stoffe sind nicht nur optisch symbolhaft aufgeladen - vielfach wird ihnen auch eine magische Kraft zugeschrieben.

Frau webt, Mann sammelt


Wenn es schon um Stoffe geht, kommt zu den kulturellen Bezügen natürlich die Genderperspektive hinzu. Wenngleich das Weben in afrikanischen Ländern Männersache ist, wurden die meisten der präsentierten Textilien sicherlich von Frauen hergestellt. Sammler sind hingegen überwiegend Männer - das lässt, so die Ausstellungsmacher, auf die finanzielle Verteilung in unserer Gesellschaft schließen.

Ausstellung

Inspiration Textil

Künstlerhaus

www.k-haus.at

bis 2. November