Lange vor den allgegenwärtigen Talentshows war man auf der Suche nach Kinderstars. - © Kunsthalle Wien
Lange vor den allgegenwärtigen Talentshows war man auf der Suche nach Kinderstars. - © Kunsthalle Wien

Über seine Recherchen im Internet stieß der kanadische Künstler und Kurator Gareth Long (geboren 1979 in Toronto) auf eine Serie von in der Library of Congress in Washington erhaltene Filmdokumente von Melton Barker zu einem einzigen Skript: "The Kidnappers Foil". Fünfzehn Filme, die zwischen 1930 und 1970 im Mittleren Westen Amerikas an verschiedenen Orten von dem Texaner aufgenommen wurden, sind erhalten und nun in einer großen Installation in der Kunsthalle zu sehen. An den Wänden wie auf eingehängten Leinwänden können die nicht immer amateurhaft wirkenden Varianten einer Geschichte einzeln verfolgt werden, während die Tonspuren ineinander laufen.

Die künstlerische Recherche führt uns in ein Stück Mediengeschichte, denn die Filme sind von unterschiedlicher Qualität - auch durch die Überspielungen von alter auf neue Technik - und ein Zwischenreich von Dokumentarfilm und Amateurhaften. Ambivalenzen bleiben auch durch den verschieden langen Ablauf, trotz eines Skripts.

Ein Krimi wird Party


Schon die Erzählung hat zwei Ebenen: Kriminalistik und Talentsuche werden ineinander verwoben. "Kidnappers Foil" beginnt mit der Entführung eines Mädchens namens Betty Davies während ihrer Geburtstagsparty. Nachdem eine große Kindersuchmannschaft sie findet und befreit, wird eine Feier der Rettung zweites, eigentliches Thema, da die Kinder nun als kleine Akrobaten, Sänger, Tänzer oder als Musiker auf Ponys auftreten.

Die tiefere Ebene ist die der sozialen Studie, und sie führte wohl zum Ankauf der wichtigen Bibliothek, weil darin auch Amerikas Gesellschaft in einem bestimmten Zeitraum an verschiedenen Orten in erweiterter Sicht festgehalten ist. Dieser Punkt interessiert Long neben dem Formalen der Serialität und der Geschichte der Filmindustrie sowie der spannenden Ambivalenz von Profi und Amateur, privat und öffentlich. Über Barker ist kaum etwas bekannt; er filmte ab 1930 und verschwindet als Person hinter einer sich endlos und in Varianten wiederholenden Geschichte. Mit 200 Varianten seines Originalkonzepts hat er auch dessen Einzigartigkeit vernichtet, abgesehen davon, dass er hinter der Tatsache, einfach nur Geld verdienen zu wollen, andere Fragen aufwirft als ein Kunstfilmer.

Für Long zeigt sich die Stärke, heute damit Interesse zu erregen: Sehr lange vor aktuellen Dauerbrennern an Talenteshows und amateurhaften Videos, die laienhaften Eigeninszenierungen auf YouTube zeigen, aber auch noch lange bevor Andy Warhol gespottet hatte, dass jeder in der Zukunft die Chance habe, fünfzehn Minuten lang berühmt zu sein, entdeckte Melton Barker das "Selfie"-Phänomen. Der Drang der Menschen, gesehen zu werden, egal ob Kinder oder ihre Eltern dahinter, war immer Triebfeder. Dazu kam die Hoffnung, in den wirtschaftlich schlechten Jahren der Rezession in Amerika vielleicht doch ein Kinderstar wie Shirley Temple in Hollywood zu werden. Selbst die örtlichen Kinos und Zeitungen waren daran beteiligt, Barker sein Einkommen zu sichern, so dass er den Vorgang an die 200 Mal wiederholte. Zusätzlich zum Vergnügen aller, sich und die eigene Stadt in maximal 20 Minuten Filmwerk zu sehen, bot er den talentiertesten Kindern weiteren Schauspielunterricht um ein paar Dollars an.

Ob abgehalfterte Lehrer einer Schauspielschule oder ein in das Filmemachen durch neue technische Möglichkeiten mit dem 16mm-Film ab etwa 1923 Verliebter: Für Gareth Long ist Barkers Nähe zum "Home Movie" und der Gegensatz zu Re-Inszenierungen und Kopieren populärer Filme spannend, da ihn die frontale Performance seiner Laien zurückkatapultiert in die Zeit des historischen "Kinos der Attraktionen" bis 1907. Das spricht von einem späten Sohn reisender Schausteller, wie sie Federico Fellini in seiner künstlerischen Filmerzählung "La Strada" festhielt, allerdings ist sein Held die Filmkamera.

Ausstellung

Kidnappers Foil

Gareth Long (Künstlerkurator)

Kunsthalle bis 18. Jänner