• vom 18.11.2014, 16:09 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Vom Kosmos zum Kosmöschen




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Kunsthalle Krems macht das Werk Dominik Steigers in Retrospektive endlich bekannt.

Eintauchen in die Kunstgeflechte des vielseitig begabten Dominic Steiger: "Beuys - Bois".

Eintauchen in die Kunstgeflechte des vielseitig begabten Dominic Steiger: "Beuys - Bois".© Archiv Dominik Steiger Joseph Beuys/Bildrecht, Wien Eintauchen in die Kunstgeflechte des vielseitig begabten Dominic Steiger: "Beuys - Bois".© Archiv Dominik Steiger Joseph Beuys/Bildrecht, Wien

"Im Ofen brennt Seele", schrieb der sich "Budi von Fesch" nennende Dominik Steiger in einem Prosagedicht 1993. Er kam aus dem alchemistischen Wortlabor der Postavantgarde um die Konkrete Poesie der "Wiener Gruppe" und des "Wiener Aktionismus". Dominik Wehrfried Gernot Steiger (1940-2014) war bislang ein Geheimtipp, bekannt vor allem durch sein Beisein auf prominenten Foto-Gruppenporträts von Christian Skrein mit Walter Pichler, Ernst Graf, Oswald und Ingrid Wiener, Christian Ludwig Attersee und Kurt Kalb. Das Gruppenbilden als deutlich vorübergehendes Anschließen ist charakteristisch für Steigers Einzelgängertum. Ambivalent war auch sein Jonglieren mit allen Künsten - nach Erfolgen in der Literatur kamen Zeichnung und Objektkunst, daneben waren immer Musik und Performance wichtig.

Das Wort am Anfang
Die Kunsthalle Krems zeigt nun den Kosmos Steiger, den er selbst kokett herabmindernd sein "Kosmöschen" nannte, gründlich erforscht durch Susanne Längle und Hans Peter Wipplinger. Noch vor seinem Krebstod im Jänner, mit Vor- und Nachsicht begonnen, breitet sich das Ergebnis mit vielseitigen Blättern, Objekten, Film- und Konzertmitschnitten über alle Räume wie ein Geflecht aus. Ein Parcours der kleinen Sensationen, denn nach einem versuchten Beitritt zur Fremdenlegion und einem Klinikaufenthalt wegen Suizidgefahr, wurde Steiger als Schriftsteller mit zwei Bänden im berühmten Suhrkamp-Verlag bekannt und als Mitbegründer der Grazer Autorenversammlung höchst erfolgreich, verlor sich aber mit biometrischen Texten und "Letterlacks" in seiner Bilderschrift "Knöchelchenzeichnungen" Richtung bildende Kunst.


Mentoren auf diesem Weg waren - neben seiner Muse und späteren ersten Frau Traudl Bayer, der Witwe Konrad Bayers - Kurt Kalb, Dieter Roth und Joseph Beuys. Im Teamwork erstellte er zeichnerische Zyklen, die er zu Kunstbuch-Unikaten umwandelte. Mit Roth malte er 1982 bis 1985 das "Allerweltsbild" an die Wand des Basler Bahnhofsbuffets. 1965 drehte Oswald Wiener den Film "das kind" am Wiener Dannebergplatz, eine Performance Steigers mit privater Anarchiegeste zwischen "Rattenfänger von Hameln" und Markus Schinwalds "Childrens Crusade". Im Kinderkostüm trat Steiger auch als "Fnufi" in Otto Muehls "Zockfest" auf. Daneben sang und spielte er im "actions concert für al hansen" in der Galerie nächst St. Stephan.

Fließende Ideenstraßen bilden sich von den Zeichnungen zu Jean Cocteau, Antonin Artaud oder Fritz von Herzmanovsky-Orlando.

Den Weg zur Malerei über Anregung durch Flecken am Schuhputztuch vergleicht Wipplinger mit der Methode des Briten Alexander Cozens im 18. Jahrhundert, aus der Abstraktion von "Blots" heraus Figürliches zu entwickeln. Johannes Gachnang sah den Künstler mit den Gaben des englischen Dandys gesegnet. Steigers "Tagtraumarbeit - leicht" und einige collagierte Objekte zitieren Sympathien für Sigmund Freud.

Beuys reflektieren
Der Eigenverlag des Künstlers hieß "Buchdienst Fesch", da lud er sich ab 1975 neben Malern und Literaten auch Fotografen wie Urs Lüthi für die Zeitschrift "Nervenkritik" ein. Die Zeichnungen "Exerptmarterln" und "Konversationsgrafiken" collagieren Enzyklopädien, Markenalben und Bibeln, sind Gesamtkunstwerks-Modelle, die in seinem Fall gleichzeitig das Unvollendete zelebrieren. Die Holzobjekte mit ironischem Titel wie "Bordello" muten wie Häuser oder Barken an, die mit ihrem Serientitel "Bois" Gedenken an Beuys‘ verraten. Dessen Multiple "Intuitionsbox" von 1968 ergänzte Steiger frech und wandelte Vitrinen und Stühle auch ohne Fett und Filz zu Kunstwerken.

Die letzten Serien heißen Kulturcollagen, "Arte completes"-Übermalungen und Rollbilder. Sie zeigen eine durch Nudelhölzer statt Pinsel aufgetragene Klecksografie, mit "Pinselpfot vom Taps im Feldgepatz". Dazu setzte er seine "Letterfälle" nach André Thomkins’ Sprachblöcken spielerisch auf Hemden, Fotos und Skulpturen fort und förderte mit seiner zweiten Frau Renate Ganser den 1997 geborenen Sohn Moritz Julius Balthasar, der ihn mit ersten Schreibversuchen am Computer unterstützte.

Ausstellung

Dominik Steiger Retrospektive

Hans-Peter Wipplinger (Kurator)

Kunsthalle Krems

Bis 8. Februar




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Dokument erstellt am 2014-11-18 16:14:04



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