Wenn die Kunstgeschichte Beat Wyss und Diedrich Diedrichsen folgt, ist das, was wir Pop nennen, der Beginn einer Epoche nach der klassischen Moderne, und unwissentlich stehen wir noch mitten drin. Pop als Ersatz für die umstrittene Existenz einer Postmoderne ist auch als erste Richtung global zu denken, nicht mehr nur als reine "Westkunst".

Mit Blick auf vier Stockwerke der Sammlungsgeschichte des Hauptsponsors für das moderne Museum in Wien nach 1977 kommt in der Megaschau "Ludwig Goes Pop" jedoch das Gefühl auf, dass so manches Werk eine Schicht von Patina auf sich hat. Das liegt nicht am großen Können der Restauratoren, Pappe, Plastik und Plexiglas frisch zu halten, sondern mehr an den Inhalten, die zeitgeistig aus Werbung, Film und eben Populärkultur aller Art in die bis dahin elitäre Avantgardekunst Amerikas einbrachen. In den Werken ist das Lebensgefühl der sechziger Jahre zu sehen, die Straßenkreuzer, Geldscheine und Firmenlabels - und schon das gepunktete Raster, das Roy Lichtenstein in seinen Bildern nach Comics benützte, ist den Pixeln gewichen und daher heute schwer verständlich.

Ludwig entdeckt Pop


Dabei waren die bunten "Dots", die in Blau auch den Plastiküberzug des Katalogcovers mit Foto des Sammlers Peter Ludwig vor Tom Wesselmanns "Bathtube" zieren, allgegenwärtig. In der parallel laufenden Performanceszene waren sie - auf den nackten Körper aufgetragen - Zeichen der "Make Love not War"-Friedensbewegung wie die "Sit-ins" in Hotelbetten von Yoko Ono und John Lennon. Alle Kunstgattungen, eben auch Musik, Theater, Design und Architektur flossen ineinander, weshalb Pop zuerst der Anstrich des Billigen, weil beliebig Gemischten, nachhing. Erst später wurde auch die subversive Kehrseite als Protest gegen den Konsum begriffen; selbst die neuen Materialien wie Plastik und Plexiglas bekamen Wert.

Peter und Irene Ludwig waren die ersten europäischen Sammler, die in New York diese massive Gegenbewegung zur Malerei des abstrakten Expressionismus ankauften. Der "Schokoladenkönig" hatte über das Menschenbild bei Picasso in Kunstgeschichte dissertiert, er sah die abstrakte Malerei überwunden und wusste, was er tat, als er sich, beraten von einigen wenigen wie Wolfgang Hahn, öfter in die neue Kunsthauptstadt New York aufmachte, um "Zeitzeugnisse" zu erwerben.

Für die Künstler in Amerika ist Andy Warhols Reise von New York nach Los Angeles 1963 die Wende hin zur Pop-Art. Damals entstanden die verschiedenen Siebdrucke von Elvis Presley, die der Schau als Signets dienen. Verdoppelt und einfach in ganzer Figur als Cowboy vom Filmbild auf Siebdruck übertragen, bedroht uns der Sängerstar nun im Original und quer durch die Stadt mit der Pistole. Die Popularität von Plakaten brachte ironische Sprüche wie "I want you for the US Army!" and "Have you had your pill today?", kombiniert mit der angriffigen Geste in die Zimmer der Teenager. Vom Kitsch des Alltags ist in der Schau aber wenig zu sehen - außer die kultverdächtigen Plattencover, Bücher und Kataloge, die längst Sammlerware sind. Auch die ersten handbeschrifteten Karteikarten der Ludwigs werden in Vitrinen gezeigt. Dazu gibt es Filme der Popära und dokumentarische Interviews mit dem Sammler neben einem sinnvollen Begleitprogramm von Carsten Höller.