• vom 24.02.2015, 15:09 Uhr

Kunst

Update: 24.02.2015, 15:52 Uhr

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Die Mona Lisa sagt nicht "Cheeeese"




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Er wird künstlich beatmet wie eine Luftmatratze (also mit Blasebälgen): "is it me" von Evelyn Loschy.

Er wird künstlich beatmet wie eine Luftmatratze (also mit Blasebälgen): "is it me" von Evelyn Loschy.© Galerie Michaela Stock/Evelyn Loschy Er wird künstlich beatmet wie eine Luftmatratze (also mit Blasebälgen): "is it me" von Evelyn Loschy.© Galerie Michaela Stock/Evelyn Loschy

(cai) Jitka Hanzlová macht Fotos wie zu Zeiten der Renaissance. Ach, ist man endlich draufgekommen, dass Leonardo da Vinci den Fotoapparat erfunden hat? Nein. Aber wenn er es getan hätte, hätte seine Mona Lisa . . . wahrscheinlich trotzdem kein Zahnpastalächeln aufgesetzt, falls er sie dann lieber fotografiert hätte. Schließlich hatten die allerersten Kameras eine extrem lange Belichtungszeit. Und in den vielen Stunden hätte er die Lisa ja gleich malen können.

Hanzlovás heutige Modelle haben jedenfalls alle ihren "Cheeese!"-Reflex unterdrücken müssen, um auszusehen wie vor 500 Jahren. Zwei drehen sich überhaupt ins strenge Profil wie Federico da Montefeltro und seine Gemahlin auf dem Diptychon von Piero della Francesca. (Nein, das Herzogspaar hat nicht für die Verbrecherkartei von Urbino posiert.) Und man muss nicht einmal einen Marder dabeihaben, um Ähnlichkeit zu haben mit Leonardos "Dame mit dem Hermelin". Die gleiche Kette sollte man sich halt umhängen. Gemäldeästhetik total. Würdevolle Staatsporträts von Normalsterblichen. Obwohl nachträglich kein einziges Wimmerl ausgedrückt worden ist. Oder gerade deshalb. Photoshop verstößt ja vermutlich gegen die Menschenwürde.


Die zweite Werkgruppe ist zügelloser: "Horses." Hochemotionale Wildromantik mit springenden, tanzenden Pferden. Quasi Poesie in freien Rhythmen. Gut, ein paar Bilder sind sehr schnappschüssig. Dafür sind die, die weniger als ein PS haben (extreme Detailaufnahmen) spannende Rätsel. Aha, ein Ohr spitzt sich in der Finsternis, ein Pferderücken wird zur Hügellandschaft, die der Himmel reitet. Und wenn Hanzlová an der Stallwand ein Schüttbild im Stil vom Nitsch entdeckt ("Stable Painting"), kommt sie am Ende doch noch in der modernen Malerei an.

Georg Kargl Fine Arts
(Schleifmühlgasse 5)
Jitka Hanzlová, bis 7. März
Di. - Fr.: 11 - 19 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr

Ausatmen kann Leben retten

(cai) Einfach gemalte Bilder aufzuhängen wäre natürlich energiesparender. Da bräuchte man in der Galerie Michaela Stock jetzt höchstens das Licht einzuschalten. (Obwohl: Kommt eh genug von draußen rein.) Aber Frauen verbrauchen eben gerne Strom. Oder haben sie etwa keineangeborene Vorliebe für Herde, Waschmaschinen und Staubsauger? (Vorsicht: Ironie!) Und Evelyn Loschy lässt sogar gleich zwei Fernseher auf einmal laufen. Und ihr elektrischer Schaukelstuhl benötigt ebenfalls Saft.

"Zerreißprobe" - der Titel der Ausstellung untertreibt ein bissl. Eigentlich sind es drei Zerreißproben. Das Individuum im Spannungsfeld zwischen dem Müssen und dem Wollen. Oder dem Wollen und dem Können? Im optisch vielleicht wenig anspruchsvollen, doch witzig skurrilen Stop-Motion-Video "Entkoppelung" unterzieht die Künstlerin die BHs der Oma einem regelrechten Materialtest. Zerrt dran herum, verfängt sich selber in den "Monstern". Fast ein Horrorfilm ("Die Nacht der lebenden Liebestöter"). Ein symbolischer Kampf mit altmodischen Werten? Und aus der Geierwally macht sie eine multiple Persönlichkeit ("Me And My Selves"). Holt aus dem Stummfilm von 1921 jene Szenen heraus, in denen die aufmüpfige Heldin allein ist, und schneidet sie so zusammen, dass die Wallys (die Angepasste im Dirndl, die Ausgestoßene mit der Sturmfrisur) aufeinander reagieren. Der Soundtrack (Nicolò Loro Ravenni) ist kongenial verrückt. Innerlich gespalten. Volksmusik und . . . äh: Psychopathentechno?

Die kinetische Skulptur "is it me" stiehlt den flachen bewegten Bildern aber sowieso die Show. Ein ausgeklügelter Mechanismus (Motor bewegt Schaukelstuhl, Kufen drücken Blasebälge nieder) bläst eine lebensgroße Figur aus PVC auf (nein, keine Gummipuppe). Und kaum ist sie prall, wird ihr die Luft wieder abgesaugt. Tja, der Balg hat’s gegeben, der Balg hat’s genommen. Wie wenn man sein Schlauchboot mühsam aufpumpt, und wenn man endlich fertig ist, macht das Strandbad zu. Andererseits: Wir würden doch auch platzen, wenn wir immer nur ein- und niemals ausatmen täten.

Galerie Michaela Stock
(Schleifmühlgasse 18)
Zerreißprobe, bis 14. März
Di. - Fr.: 16 - 19 Uhr
Sa.: 11 - 15 Uhr




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-02-24 15:14:05
Letzte Änderung am 2015-02-24 15:52:21



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