Egon Schiele zeigt auch Wallys nachdenkliche Seite. - © Landessammlung Niederösterreich/Christoph Fuchs
Egon Schiele zeigt auch Wallys nachdenkliche Seite. - © Landessammlung Niederösterreich/Christoph Fuchs

In jeder Publikation und Ausstellung über Egon Schiele ist von Walburga Neuzil, genannt "Wally", die Rede, und der Vergleich, den das Leopold Museum 2010 mit den Erben von Lea Bondi Jaray geschlossen hat, brachte auch ihr bekanntes Porträt zurück nach Wien: Wally Neuzil wurde 1912 von Schiele als Pendant zu seinem "Selbstbildnis mit Lampionfrüchten" gemalt. Die beiden relativ kleinen Formate zeigen zwei Menschen, die einander zugewendet und auch zugeneigt sind, dunkel gekleidet vor einer weiß und grau strukturierten Wand neben herbstlichen Blättern mit Fruchtständen. Doch bleibt jeder in seinem Bild, die Köpfe sind oben angeschnitten und die Augen blicken an den Betrachtern vorbei in eine weite Ferne. Auch wenn sich ihre Blicke irgendwo kreuzen, wenden sich Arme und Körper voneinander ab. Zuneigung und Abstoßung erzeugen eine psychisch aufgeladene Widersprüchlichkeit. Diese hat wohl mit der Beziehung der beiden zu tun und nicht nur mit dem aufkommenden Expressionismus.

Die vielen Seiten der Wally


Drei Kuratoren versuchten, das kurze Leben von 1894 bis 1917 einer Frau zu beleuchten, die von 1911 bis 1915 offenbar Lebensmensch eines Künstlers wurde, nachdem sie anfangs nur eines von vielen Modellen aus einer anderen Gesellschaftsschicht war.

Rund 200 Objekte, davon 18 Gemälde, 43 Papierarbeiten, 80 Fotos, 32 Autografe und viele Dokumente, reichen nicht aus, das Rätsel um diese Frau wirklich zu lösen; doch der Versuch ist wichtig, zumal er die heutige Sicht auf sozial schwierige und vor allem frauenfeindliche Zeiten in Wien um 1900 nicht auslässt. Die Schau stellt nicht nur die berechtigte Frage nach dem wesentlichen Beitrag Wally Neuzils für Schieles Werdegang während seiner besten Jahren als Künstler, sie verschiebt auch unseren Blick auf ihn.

Das erste Aquarell Schieles von Wally ist wohl der Halbakt des Gemeente-Museums in Den Haag. Damals soll Wally von Gustav Klimt zu ihm gewechselt sein. Beweisbar ist das allerdings nicht. Die persönlichsten Bildnisse sind jene von 1912, neben dem Ölporträt, das gerne als eine "Mona Lisa" des beginnenden 20. Jahrhunderts beschrieben wird, vor allem jenes nachdenklich gestimmte Aquarell der Landessammlungen von Niederösterreich, das sie beinahe intellektuell wirken lässt. Wally war das wohl weniger, musste sie doch als Tochter einer Lehrerwitwe auch als Vorführerin in einem Kleidergeschäft und Verkäuferin arbeiten und ihre vielen Meldezettel, die zusammengetragen wurden, zeugen von bitterer Armut ihrer Familie, die sie wie viele andere Mädchen der Unterschicht in eine "wilde Ehe" mit einem Künstler einwilligen ließen.

Sie folgte ihm nach Krumau und Neulengbach 1912, doch das Experiment, am Land in Ruhe künstlerisch tätig zu sein, ging schief. Dabei war auch ihre Anwesenheit Teil des bürgerlichen Missverständnisses seiner Umgebung. Sogar seine Familie sah, bis auf eine Schwester, in Wally eine Prostituierte. Trotz Verständnisses einiger Mäzene wurden sie vertrieben aus dem Gartenhaus in Krumau.

Erweckung und Bruch


In Neulengbach hielt Wally fest zu Schiele, als er wegen Verführung Minderjähriger angeklagt und verurteilt wurde. Mit seiner Mutter und Sammler Heinrich Benesch holte sie ihn nach 24 Tagen ab. Benesch schrieb ihr noch nach der Trennung und bekam auf einer Karte aus Bregenz nebst ihrer Unterschrift "Grüße von der Klapperschlange". Schieles sexuelles Erweckungserlebnis geht sicher auf Wally zurück, gespiegelt auch in der Geschlechterumkehr von "Kardinal und Nonne"; doch die wilde Ehe und offene Sexualität im Atelier in Hietzing gingen 1915 zu Ende, als er dort Edith Harms traf und mit Wally als "Anstandsdame" auch näher kennenlernte.

Was folgte, war der Bruch aus gesellschaftlichen Gründen, die zentrale Figur seiner "Seher" wurde geopfert am Altar der bürgerlichen Konvention; Schiele heiratete, wurde Soldat. "Tod und Mädchen" gilt als Abschiedsbild. Wally entschied sich, Krankenschwester zu werden, 1917 wurde sie von Wien nach Dalmatien abberufen und starb dort 23-jährig an Scharlach.

ausstellung

Wally Neuzil. Ihr Leben mit Egon Schiele

Diethard Leopold, Stephan Pumberger, Birgit Sommerauer (Kuratoren)

Leopold Museum bis 1. Juni