• vom 10.03.2015, 16:52 Uhr

Kunst

Update: 10.03.2015, 17:26 Uhr

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Ein Pinsel ist kein Ferrari




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Buch mit "Fußnote": "Indoor Landscape" von Adam de Neige. (Marmor. Gegossen, nicht gemeißelt.)

Buch mit "Fußnote": "Indoor Landscape" von Adam de Neige. (Marmor. Gegossen, nicht gemeißelt.)© Adam de Neige/Galerie Gans Buch mit "Fußnote": "Indoor Landscape" von Adam de Neige. (Marmor. Gegossen, nicht gemeißelt.)© Adam de Neige/Galerie Gans

(cai) Wer in dieser schnelllebigen Zeit (den Letzten beißt der Affenzahn) ein bissl herunterbremsen will, der . . . muss halt durch eine 30er Zone fahren. Oder er versucht gleich das, was der Konrad Winter macht. Der hat allerdings viel herumexperimentieren müssen, bevor seine anspruchsvolle Methode perfekt funktioniert hat. Doch jetzt entschleunigt er in nur 28 Tagen von einer 500stel Sekunde auf einen Monat. Und bedient sich dabei genau derselben Technik, mit der auch Ferraris hergestellt werden: Autolack auf Blech.

Für die Technikfreaks (und der Salzburger dürfte da so pingelig sein wie James Bond bei seinem Martini): "Der Washprimer und der Füllgrund sind gerollt (nicht gespritzt) und geschliffen, der Einschicht-Zweikomponenten-Lack ist mit feinen Schriftmalerpinseln, sogenannten Schleppern, die eine Pinselmanufaktur extra für mich produziert, aufgetragen. Es handelt sich also um reine Malerei."


Einen Sekundenbruchteil verlängert er auf vier Wochen. Die braucht er, um einen schnellen Schnappschuss in ein aufwendiges Gemälde zu übertragen. In der Zeit hätte er vielleicht ein komplettes Auto mit einem Nagellackpinsel umlackieren können, das Ergebnis wäre aber wohl kaum so befriedigend gewesen wie die sinnlich glatte Serie "Camouflaged City". In der Nähe tarnt sie sich als abstrakte Kunst, als Massenkarambolage bunter Flecken, von weiter weg wird daraus eine Straßenszene in Wien, London, New York . . .

Warum Autolack? "Der steht für die Vorstellung, irgendwo hinzufahren. Und wegen der grandiosen Qualität der Farben." Kunst und Leben versöhnen sich sensationell stimmig. Und die "autolackierten" Fahrradln? Sind nix Obszönes. Man darf doch auch mit Wein, Bier und Whisky ein Aquarell malen. Obwohl "Aqua" Wasser heißt.

Galerie Frey
(Gluckgasse 3)
Konrad Winter, bis 11. April
Mo. - Fr.: 11 - 18.30 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr

Was wiegt der Horizont?

(cai) Auf alle Fälle weniger als der Himmel. Weil der ist immerhin eine Kugel, während der Horizont bloß eine Linie ist. Der Himmel ist eine Kugel? Ja. (Außer die Skulpturen, wo dieser Titan namens Atlas ihn hochstemmt, sind nicht sehr realistisch.) Aber wie kommt man überhaupt auf so eine blöde Frage? Ganz einfach. Man besucht die Galerie Gans (und liest den Ausstellungstitel: "Schwerelos").

Adam de Neige hat dort nämlich eine dünne Drei-Meter-Stange lose auf zwei Marmorhände draufgelegt, und das soll eine Landschaft sein. Okay, eine "Indoor Landscape" (eine für drinnen), und der Horizont liegt doch sonst eher "outdoor" herum (also draußen). Der Naturalismus des Horizonthalters ist trotzdem packend. Und der Fuß, der ein Buch aufschlägt, wirkt sogar dermaßen lebensecht, der zuckt womöglich, wenn man ihn kitzelt. Was? Der Künstler hat seine Körperteile gar nicht mühsam in Stein gehauen? Er hat sie zeitsparend mit einer Marmorpulvermasse abgegossen? Wenn der Michelangelo das getan hätte! (Na ja, dann wäre sein "David" bestenfalls 1,80 Meter groß.) Sein Pinsel, der fast in HD malt, ist aber echt so gut (und nicht imaginär wie sein Meißel). Dass man die rätselhaften Schwarzweiß-Szenen selber im Kopf fertigmalen muss, erhöht dabei höchstens die Schaulust.

Die Erde ist eine Kugel, doch die Welt, die ist ein Würfel. Zumindest die von Michael Kos. Der schlichtet gefaltete Landkarten in Aluboxen, verwandelt Kartografie in luftige, malerische Gefilde. Und mit seinen schockierenden Marmorbrocken voller chirurgischer Nähte (Franken-Steine?) hat er mich überzeugt: Steine sind fühlende Wesen. Nicht dass ich jetzt glauben würde, dem blinden Passagier in meinem Schuh würd’ das Ganze genauso weh tun wie mir.

Edgar Leissing fabriziert quasi lauter "Monster von Loch Messie". Stopft das komplette Lokalkolorit von Wien, Berlin oder Sidney in ein einziges Bild. In die überfüllten digitalen Collagen muss sich der Blick hineinquetschen wie in die U-Bahn während der Rushhour. Erholen kann er sich dann freilich eh wieder bei Michela Ghisetti, dieser großartigen Zeichnerin, deren akribischer Bleistift jedes Haar zählt. (Nein, die aufs Blatt gestreuten Riesenkonfetti stellen keine Monsterschuppen dar!)

Galerie Gans
(Kirchberggasse 4)
"Schwerelos", bis 21. März
Di. - Fr.: 12 - 18 Uhr
Sa.: 12 - 15 Uhr




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-10 16:56:06
Letzte Änderung am 2015-03-10 17:26:51


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