Vor einigen Tagen machte der britische Street Artist Banksy Schlagzeilen mit einem Arbeitsbesuch in Gaza. Er veröffentlichte ein Video, in dem zu sehen ist, wie er die Tür eines zerbombten Hauses mit einer weinenden Frau bemalt hat. Mitten im Schutt findet sich auch ein flauschiges Kätzchen mit roter Halsmasche, dazu vermerkte Banksy auf seiner Homepage: "Ein Einheimischer hat mich gefragt, was das bedeutet, und ich erklärte, dass ich mit Fotos auf die Zerstörung in Gaza hinweisen möchte - aber im Internet achten Menschen nur auf Bilder von Katzenbabys."

Banksy richtete damit, nicht zum ersten Mal übrigens, die Aufmerksamkeit auf eine Weltregion, bei der man nicht zuallererst an urbane Kunst denkt. Und doch war zu diesem Zeitpunkt längst eine Ausstellung über israelische Street Art in der Wiener Galerie Inoperable in Planung, die diese Woche eröffnet wurde.

Mit Ängsten anfreunden

Zu sehen sind unter anderem Fotos von Leora Cheshin, die seit über zehn Jahren die künstlerische Entwicklung auf den Straßen Israels dokumentiert. Vor allem in Tel Aviv ist die Szene sehr groß und vielfältig und seit einigen Jahren mit anderen einschlägig "verzierten" Städten konkurrenzfähig. Der Künstler Untay, der hauptsächlich in Tel Aviv arbeitet, erklärt, warum: "Bei uns gibt es keine besonderen Gegenden, in denen Street Art stattfindet, bei uns ist sie über die ganze Stadt verteilt. Das kümmert keinen. Gut, im reichen Norden wird sie vielleicht ein bisschen weniger lang bestehen, aber eigentlich muss man nur durch die Straßen gehen, die Augen aufmachen und entdecken." In Jerusalem ist im Vergleich dazu die Szene wiederum verschwindend klein. Leora Cheshin erklärt das einerseits damit, dass Jerusalem sehr viel konservativer ist und die Kunstwerke meist nur eine Halbwertszeit von wenigen Stunden haben. Andererseits gibt es ganz pragmatische Gründe: Denn nach alten Gesetzen aus der britischen Mandatszeit müssen Hausfassaden dort aus dem typischen Meleke-Kalkstein bestehen - und darauf hält die Farbe nicht gut.

Auf die Frage, ob die Street Art typisch israelische Eigenheiten hat, gehen die Antworten von Untay und Cheshin diametral auseinander. Der Künstler sieht sich und seine Kollegen durchaus im globalen Themenmix verankert. Die Fotografin beobachtet sehr wohl Spezielles: "Mein erster Fotoband heißt ,Befriend your Demon‘, also ,Freunde dich mit deinen Dämonen an‘. Mir fällt schon auf, dass sehr viele Bilder von Ängsten handeln. Zum Beispiel gibt es eine Reihe von Kunstwerken, in denen Gasmasken in verschiedensten Lebenslagen zu sehen sind. Die mussten wir im Golfkrieg 1991 tragen, da gehörten sie zum Alltag. Wir leben an einem sehr angespannten Ort, man muss hier damit rechnen, dass irgendwo eine Bombe hochgeht. Das wirkt sich schon auf das Lebensgefühl und die Kunst aus."

Blick nach innen

Eine Spezialität, die sich durch die politischen Gegebenheiten ergibt, ist wohl auch, dass in Street-Art-Fotosammlungen aus Israel mitunter auch besprayte Luftschutzräume auftauchen. "Im letzten Krieg haben die Künstler das gemacht, damit die Kinder mit weniger Angst in den Bunker gehen", erzählt Untay. Hat die letzte Eskalation des Konflikts die Street Art auch sonst beeinflusst? "Nein", sagt Untay, "im Gegenteil. Wir wollen uns einfach nicht mehr mit diesem Thema befassen. Es ist uns schon zu viel. Die Kunst wird mehr von gesellschaftlichen Themen bestimmt, weniger von politischen. Wir beschäftigen uns lieber mit Konflikten innerhalb der israelischen Gesellschaft und weniger mit den Konflikten, die Israel mit anderen austrägt."

Wenn Leora Cheshin auf ihrem iPad jüngere Fotos von den Straßen Israels durchblättert, zeigt sich der Facettenreichtum der aktuellen Szene. Da gibt es etwa die schon international renommierte Gruppe "Broken Fingaz", die riesige Hauswände bemalt, von ihnen sind auch Arbeiten in der Ausstellung zu sehen. Es gibt aber auch guerillaartigere Künstlerinnen wie Imaginary Duck, die etwa in ein bereits bestehendes Wandbild ein Gummientchen einarbeitet. Es wird natürlich traditionell gesprayt und mit Schablonen gearbeitet, aber es gibt auch gehäkelte Herzen, die überraschend in Wandnischen hängen, und Installationen aus Draht. Die jüngste in der Szene ist übrigens erst 12 Jahre alt, sie nennt sich TRA.

Cheshin hat in den vergangenen Jahren eine Entwicklung beobachtet: "Ich nenne es die Notwendigkeit zu schreien. Am Anfang gab es nicht viel Street Art in Israel, aber seit das richtiggehend ausgeufert ist, werden die Arbeiten immer größer und bunter. Der Künstler Dede zum Beispiel hat früher ganz winzige, zentimetergroße Figuren gemacht, jetzt malt er gigantische Häuser an."

Zynischer Herzl

Auf die Frage nach Humor winkt Untay ab, weltweit sei Humor in der Street Art kein hervorstechender Faktor. Cheshin sieht das wieder einmal anders: "Der Gasmaskenträger mit seinem Hund mit Gasmaske, ist das kein Humor?" Sie verweist auch auf eine Schablonenarbeit, die sich über ganz Israel verteilt findet. Sie zeigt ein comichaftes Porträt von Theodor Herzl, sein Spruch: "Wenn du etwas wirklich erreichen willst, dann ist es kein Traum" erfährt da als Bildunterschrift eine zynische Umkehr: "Wenn du etwas nicht willst, dann vergiss es."

Zur Gaza-Aktion von Banksy hat Untay übrigens zu sagen: "Geniale PR." Und: "Wenn wir nach Gaza fahren könnten, wir würden es sofort auch machen. Aber mit einem israelischen Pass geht das eben nicht." Solche Einschränkungen der Mobilität machen die israelische Street Art eben auch aus - selbst wenn sie sich auf die Motive nicht auswirken. Wer übrigens neben der Ausstellung Untays Kunst auch in ihrem natürlichen Habitat sehen will: Er hat diese Woche ein (legales) Wandbild in der Siebensterngasse als Souvenir hinterlassen.