Das Fenster zum Wetter

(cai) Was ist hinter Glas und hat einen Gipshaxen? Nein, nicht der Hansi Hinterseer im Fernsehapparat. (Außerdem ist das kein Gips, das ist ein Moonboot.) Natürlich ein Voyeur in einem Hitchcock-Film ("Das Fenster zum Hof"). Und was ist hinter Glas und hat kein Gipsbein? Ein Hinterglasmaler.

Stephen Skidmore hockt seit bald 40 Jahren mit bewundernswertem Durchhaltevermögen in seinem kleinen Einzimmer-Wohnatelier in London und schaut aus dem Fenster. (Gut, zwischendurch ist er schon rausgegangen.) Bei seiner originellen Form der Hinterglasmalerei ist nämlich der Maler hinter Glas. Und dauernd hinter demselben. Begnügt sich mit der einen Aussicht. Sogar Monet hatte einmal seine Heuhaufen satt (das ist der, der im Heuhaufen nicht die Nadel gesucht hat, sondern den Sonnenstrahl - zu jeder Tageszeit).

Die Ausbeute der letzten drei Jahre hängt nun beim Hubert Winter: 18 handliche "Window Paintings". Er kann ja immer nur so viele Bilder malen, wie er noch unterm Bett verstauen kann. Jetzt wäre wieder Platz für drei (weil drei verkauft worden sind). Die Ausstellung ist quasi auch ein Dokument der sozialen Situation des Künstlers.

Hätte Hitchcock Regie geführt und nicht das Leben, hätte Skidmore sicher einen Mord beobachtet (obwohl: Wer bringt jemanden auf dem Dach um oder im Geäst eines kahlen Baumes?). Doch so wird er jetzt ständig Zeuge des Wetters. Eine richtige graue Periode. Sogar zwischen den Wolken ist der Himmel grau. Variationen zum Thema "Langeweile"? I wo. Direkt spannend wird’s, wenn der Regen die Aussicht pittoresk von der Scheibe wäscht. Und das Ende ist überraschend. Also happy. Nach der dreijährigen Winterdepression hat der Maler nicht den Pinsel aus dem Fenster geschmissen, er hat ihn in blaue Farbe getunkt.

Winken in der Wüste

(cai) Eigentlich müssten wir in der Galerie Krinzinger alle Werke problemlos verstehen. Jedenfalls ohne Arabischdolmetscher. Denn laut Ausstellungstitel handelt es sich ja um Übersetzungen: "Translated." Übersetzt. (Zumindest ins Englische.) Und tatsächlich hat Maha Malluh "Originale" aus ihrer Heimat Saudi-Arabien (Gebrauchsgegenstände) in die vertraute Sprache der globalisierten Kunst übertragen. (Aha, Objektkunst. Alles klar.) Der westliche Betrachter tut sich trotzdem ein bissl schwer mit dem Lesen.

Ein abstraktes Bild aus bunten Audiokassetten. Präsentiert uns die Künstlerin ihre alte Popmusiksammlung? Falsch. Radikal-islamische Predigten, mit denen die saudische Jugend in den 1980ern "gefüttert" worden ist. Deshalb der Titel "Food for Thought" und das Tablett eines Bäckers als Rahmen. Tja, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. (Auch wenn das ein Zitat aus der Bibel ist und nicht aus dem Koran.) Dann die verbeulten Alutöpfe. Als hätte man sie mit 1000 Stockhieben bestraft, weil das Essen angebrannt war (oder die Suppen von Muslimen, Christen, Juden, Atheisten darin womöglich alle gleich gut geschmeckt hätten). Wo ich den geschundenen Rücken von Raif Badawi assoziiere, denkt Malluh aber vielleicht einfach ans Klappern des Geschirrs ihrer Mutter zurück. Oh, da soll’s irgendwie um die "Moallakat" gehen, um vorislamische - Kochrezepte? Nein, Gedichte.

Überwältigend haptisch (und mit einem betörend schwülen Raumduft besprüht): 650 Handschuhe (für besonders tugendhafte Musliminnen) recken sich sehnsüchtig nach oben. Die Bordüren: Stücke von Gebetsteppichen. (Echt? Als Nächstes macht sich einer aus seinem Gebetsteppich Knieflicken.) Flehen hier unterdrückte Frauen um Freiheit oder greifen strenggläubige Frauen nach dem Himmel? Komplex. Und sehr sinnlich.