Von vorn schaut Markus Redls Satyr ja ganz brav aus: "Stein 90 82 (Gender Studies)." - © Galerie Chobot
Von vorn schaut Markus Redls Satyr ja ganz brav aus: "Stein 90 82 (Gender Studies)." - © Galerie Chobot

Die Sonne

macht Lachyoga

(cai) Eine Lichttherapie soll ja gut gegen Depressionen sein. Die Stimmung aufhellen. Und sie funktioniert offenbar tatsächlich. Ein kurzer Aufenthalt in der, nein, nicht in der Psychiatrie, sondern in der Galerie Hrobsky, hat mich überzeugt. Denn wenn man vor den neuen Bildern von Maria Temnitschka steht, dann müsste man sich doch eigentlich wie der letzte Mensch auf Erden fühlen: im Stich gelassen, elend, freudlos.

Die Motive in der sensibel gemalten Serie "Lost in Thought" sind schließlich, wie in den Vorgängerserien "Rost" und "Lost in Time", ziemlich deprimierend. (Verlassene Räume, dem Verfall preisgegeben.) Trotzdem ist man optimistisch. Fast glücklich. Da stellt die Sonne ihr Licht wirklich nicht unter den Schatten. Die zerkugelt sich draußen, während drinnen längst alles den Bach runtergegangen ist. Oft sind sogar schon Hausbesetzer eingezogen. (Aus der Natur.) Die Photosynthese dürfte zumindest kein Problem sein. (Bei dem stabilen Schönwetter, das sich bei jeder Öffnung reinzwängt.)

Unaufdringlich erzählt die Niederösterreicherin kleine Geschichten von der Vergänglichkeit. Neben einem Klavier mit Totalschaden "trauern" vertrocknete Blätter. (Ob sich ein Baum das Laub aus dem Geäst geweint hat, weil ein Klavier doch auch aus Holz ist?) Und immer wieder löst sich die klare Architektur in einer delikaten malerischen Atmosphäre auf.

Surreal wird’s, wenn Temnitschka einen mit Ordnern vollgestopften Kasten in eine diffuse Landschaft entrückt. Hat sie die bürokratische Zettelwirtschaft kurzerhand in der Wildnis ausgesetzt? Kann die dort überhaupt überleben, Nahrung finden (sprich Formulare)? Aber wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt eh von irgendwo ein Lichtlein her. (Vanitas für Optimisten.)

Galerie Ulrike Hrobsky

(Grünangergasse 6)

"Lost in Thought", bis 9. Mai

Mi. - Fr.: 13 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 15 Uhr

Der Kopf ist

einsam da oben

(cai) Aha, da geht’s also um die Trennung zwischen Kopf und Leib. Ums Enthaupten? Nein, um den Geist-Körper-Dualismus. Aber um uns den anschaulich vor Augen zu führen, hat der Markus Redl natürlich jemandem den Schädel abschlagen müssen. (Vielleicht sollte man in der Galerie Chobot ein Taferl anbringen: "Jede Ähnlichkeit mit dem IS-Terror ist unbeabsichtigt und rein zufällig!")

In den herumkullernden Plutzer hat er eine Botschaft reingeritzt: "Oxytocin baba." Hä? Ja. Oxytocin. Das Bindungshormon. Ein Oxytocin-Mangel führt freilich nicht dazu, dass einem der Kopf abfällt. Und "baba" wie: pfiat di. Das muss einem nicht einleuchten. Auf dem Sockel daneben, auf dem das Haupt einer gewissen Lili präsentiert wird, steht nämlich: "Lili sagt: Ich verstehe Kunst halt nicht!" Und auf der Rückseite erteilt Redl ihr und allen Banausen die Absolution (und er darf das, er ist der Künstler!): "Ich sage: Das macht nichts!" (Wieso hat er ihr dann die Rübe abgehackt?) Tröstlich, dass man nicht immer alles googeln, äh, wissen muss. Dass man die Kunst einfach genießen darf. Den hingebungsvoll und mit großer Finesse bearbeiteten . . . Stein. Die Lili kam ja eh nicht zu Schaden. Nicht sehr. (Ich sage: "Die schaut ned echt so aus, oder?" - Redl sagt: "Na. Gott sei Dank ned.") Sich selber hat er dafür ziemlich naturgetreu geköpft. ("Ich als Holofernes.")

Jeder Stein steckt voller Wissen. Denn hier hat jemand was in der Birne. Beherrscht noch eine uralte, fast vergessene Technik: Lesen. ("I hab kan Fernseher.") Dem Satyr, dem Lüstling, hat er am Hinterkopf eine Vagina und einen After gemacht. (Gibt’s da nicht so einen doppelgesichtigen Gott? Anus?) Ideen sind Ausscheidungen. Oder Kopfgeburten? Und warum hat der Zeus, nachdem er seine schwangere Geliebte verputzt hatte, nicht Bauchweh gekriegt, sondern Migräne (Kopfwehen)? "Stein 9082" ist das. Was? 2008 hat der schon 18 Nonillionen Septendezilliarden Skulpturen fertig gehabt? Da war aber einer fleißig. I wo. 82 verweist auf eine Fußnote im Katalog. Mit Lektüretipps. Faszinierend. (Meinen Fernseher schmeiß ich trotzdem nicht aus dem Fenster.)

Galerie Chobot

(Domgasse 6)

Markus Redl, bis 8. Mai

Di. - Fr.: 13 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 15 Uhr