• vom 12.05.2015, 16:49 Uhr

Kunst

Update: 02.06.2015, 20:14 Uhr

Galerien

Der Stoff, aus dem die Schäume sind




  • Artikel
  • Lesenswert (34)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Galerien

Josef Trattner: O.T., Aluminiumguss, lackiert, 2014. - © Andreas Buchberger

Josef Trattner: O.T., Aluminiumguss, lackiert, 2014. © Andreas Buchberger

(cai) Was zuvor noch weich war, ist auf einmal hammerhart. Nein, pfui! Nicht was Sie grad denken! Es geht hier nicht um . . . einen verkohlten Toast. Sondern? Wäscht Josef Trattner seine Handtücher etwa ohne Weichspüler? Falsch. (Obwohl es durchaus Handtücher gibt, mit denen man einen Nagel einschlagen könnte.) Er gießt jetzt vielmehr seine mysteriösen Gebilde aus dem Stoff, aus dem die Putzschwämme sind, in Alu. Oder in Bronze. Sein Material ist der Schaumstoff. Den knautscht, biegt, verschnürt er. Macht Fotos davon, komponiert wie abstrakte Gemälde. Dekorativ brutal. Den harten Objekten sieht man den Schaumstoff aber echt nimmer an. Gutartige Tumore in kräftigen Farben, herzhafte, bunte Blähungen, die irgendwie positiv stimmen.

Das Buchladen-Ambiente mag den Besucher anfangs verwirren ("Jö, geile Buchstützen!" – und dabei sind es ja "Sockelbeschwerer", also Skulpturen). Bis er das besondere Konzept der Galerie Splitter Art überreißt: Kunst schauen, blättern (in den Publikationen der Edition Splitter – oh, là, là, "unser" Stephan Eibel Erzberg, der jeden Samstag in der "Wiener Zeitung" den Versen ordentlich auf die Füße steigt, fordert da mit Todesverachtung: "Gräber raus aus den Friedhöfen!") und plaudern. Mit der Verlegerin und Galeristin, Batya Horn. Eventuell ein Leiberl kaufen mit einem Zitat drauf wie: "Ich möchte durchbrennen in meine Welt." (Hat Horns demenzkranke Mutter gesagt, deren geistreich verquere Aussprüche die Tochter in einem Büchl versammelt hat.)


Der Kreis, oder: das Buch, schließt sich mit den Sofafahrten. (Sofa, nicht Mofa.) Trattner fährt herum, ja, schon mit dem Auto, doch er hat dabei ein Schaumstoffsofa aufs Dach geschnallt, und diverse Literaten versenken ihre vier und mehr Buchstaben im Schaumstoff.

Galerie Splitter Art
(Salvatorgasse 10)
Josef Trattner, bis 26. Mai
Mo. – Fr.: 11.30 Uhr – 13.30 Uhr
und 15.30 Uhr – 17.30 Uhr

Kleine grüne Strichmännchen: Bei Vikenti Komitski ist Giacomettis schreitender Mann "Still Walking".

Kleine grüne Strichmännchen: Bei Vikenti Komitski ist Giacomettis schreitender Mann "Still Walking".© Tamara Rametsteiner/Galerie Krinzinger Kleine grüne Strichmännchen: Bei Vikenti Komitski ist Giacomettis schreitender Mann "Still Walking".© Tamara Rametsteiner/Galerie Krinzinger

Plasticalypse Now

(cai) Wer fürchtet sich vor den kleinen grünen Männchen? - Niemand! - Und wenn sie kommen? - Dann schieben wir sie ab! (Und wo sind die kleinen grünen Weibchen? Hocken die alle, während ihre Männer mit dem Ufo lustig im All herumfliegen, daheim vor der Waschmaschine, die ja in Wahrheit ein Stargate ist, öffnen ein Wurmloch zu einer Waschmaschine auf der Erde und entführen aus Langeweile Socken?) – Keine Angst, bei den grünen Männchen, die die Galerie Krinzinger überrannt haben (im Parterre), handelt es sich eh nicht um eine Invasion vom Mars. Sie ist "Made in China".

Vikenti Komitski (der Name klingt aber überhaupt nicht chinesisch; na ja, vielleicht weil er bulgarisch ist) hat Giacomettis "schreitenden Mann" in einer Fabrik in China aus Plastik nachmachen lassen. In Armeestärke. Grün wie Spielzeugsoldaten. Jetzt lassen also auch schon die Künstler ihre Werke in einem Billiglohnland produzieren. Ihre? Ist doch sowieso alles geklaut. Gibt halt nix Neues mehr in der Kunst. Oder sind das lauter echte "Giacomitskis" (respektive "Giacomitskinesen")? Hm. Postkreative Kunst? I wo. Concept Art!

Und die hier ist eigentlich ziemlich raffiniert. Reflektiert kritisch die heutigen Produktionsbedingungen. Womöglich sogar Europas Angst vor den Flüchtlingen. Die Maxln picken ja wie eine Völkerwanderung der Untoten auf dem Podest: "The Walking Dead", nein: "Still Walking." (Den Zombie-Film "The Swimming Dead" wird wohl nie einer drehen. Viel zu pietätlos.) Dann verteilt Komitski auch noch genüsslich Haare im Essen. Okay, nur in Werbeprospekten. Trotzdem. Den Sonderangeboten setzt er Frisuren auf. Dem Faschierten etwa. (Iiii! Eine faschierte Blondine!) Was die Massenware aber individualisiert. Danke! Nun wird’s mich immer recken, wenn ich zum Hodl (Name von der Redaktion geändert) einkaufen geh.

Galerie Krinzinger/Parterre
(Seilerstätte 16)
Vikenti Komitski, bis 23. Mai
Di. – Fr.: 12 – 18 Uhr
Sa.: 11 – 16 Uhr




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-05-12 16:53:04
Letzte Änderung am 2015-06-02 20:14:06


Bildende Kunst

Matthias Lautner

Geboren 1981 in Wien; 1999 Matura; 2000 Zivildienst im Flüchtlingsheim der evangelischen Diakonie; 2001-2006 Studium an der Akademie der bildenden... weiter




Bildende Kunst

Claudia Larcher

Geboren 1979 in Bregenz, 2001- 2005 Studium Medienübergreifende Kunst bei Prof. Bernhard Leitner, Universität für Angewandte Kunst... weiter




Fotografie

Catharina Freuis

Geboren 1985 in Wien; 2004- 2011 Studium der Bildenden und Medialen Kunst, Fotografie, an der Universität für Angewandte Kunst Wien... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein Hoch auf England und die EU
  2. Balthazar: Fever
  3. Pippa: Mehr Versprechen als Großtat
  4. Die Spannung der Stille
  5. Micah P. Hinson: Apokalypse mit Gitarre
Meistkommentiert
  1. "Kammermusik ist fast wie Urlaub"
  2. Martha, Martha, du entschwandest
  3. Mit Furor zum Feuerzauber


Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913


Werbung