Sooo muss Urwald! "Gift #57: A Strange Cry Startles the Silence" (Donna Ong). - © Krinzinger Projekte
Sooo muss Urwald! "Gift #57: A Strange Cry Startles the Silence" (Donna Ong). - © Krinzinger Projekte

Die Wurscht im Spinnennetz

(cai) Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist bekanntlich die Gerade. Und die längste? Hm. Der Satz? (Einer von Thomas Bernhard wahrscheinlich.)

Angelika Kaufmann schreibt ebenfalls sehr viel. Allerdingsamliebstenineinerwurschtohnepunktundkomma. Was hat es nun zu bedeuten, dass ihr Markenzeichen ausgerechnet eine "pointillistische" Frisur ist (schwarze Tupfen auf weißen Haaren)? Dass sie auf Dalmatiner steht? Falsch. Das ist ein Zitat. Aus dem "Niederösterreichischen Tagebuch", wo die gebürtige Kärntnerin sich immer den Wecker gestellt hat, um bis zum Klingeln Registrierkassenrollen mit dem Pinsel zu betupfen (oder sich was zu notieren).

"Zeitpunkte" also? Heuer müsste die Schreibkünstlerin und Illustratorin von Büchern für Kinder und Erwachsene dann eigentlich genau 80 Punkte in ihren Haaren haben. Für jedes Lebensjahr einen. In der Galerie Splitter Art hat sie jedenfalls 80 Papierblüten duftig an die Wand gesteckt. Lauter behutsam zerknüllte Mayröcker-Gedichte. Den Wälzer "Gesammelte Gedichte" hat sie irgendwo aufgeschlagen und, nein, nicht die Seiten herausgerissen und zu Klumpen zusammengedrückt. Sondern in der Reihenfolge des Umblätterns abgeschrieben. Auf spinnwebfeinem Japanpapier. Ohne die Verse vorher zu lesen. ("Es ist spannend, Gedichte schreibend zu erleben.")

Je länger das Gedicht, desto dichter die lyrisch aufgeladene Handschrift und desto dünkler das Bauscherl. (Manchmal wird die geballte Poesie auch ganz intim in einem Plexiwürfel verschlossen.) Ob das "gestische Origami" ein zarter Hinweis auf die Vergänglichkeit ist? Auf den Papierkorb? Wobei: Grad im Zerknüllen erblüht das Papier doch erst. (Und wer ein Mayröcker-Gedicht lesen will, soll sich halt ein Buch kaufen.)

Galerie Splitter Art
(Salvatorgasse 10)
"poetry", bis 14. August
Mo. - Fr.: 11.30 - 13.30 Uhr
und 15.30 - 17.30 Uhr

Ich Tarzan, du Mogli

(cai) Ausstellungsbesucher glauben ständig, Donna Ong wäre ein alter Mann. Mit viel Freizeit. So ein Philatelistentyp, der die Zähne seiner Briefmarken täglich mit Zahnseide reinigt. Und dann sind sie ganz überrascht, dass dieser beschauliche Perfektionismus von einer jungen Frau aus Singapur stammt (deren Vater Antiquitäten gesammelt hat und die nun selber mit Hingabe auf Flohmärkte und zum Altwarenhändler geht).