Peking. (red) Es waren Bilder, die um die Welt gingen: blockierte Straßen in Hongkong, Studenten, die mit bunten Regenschirmen protestierten, Polizisten, die jungen Schülern Pfefferspray ins Gesicht feuerten. Die "Occupy Central with Love and Peace" Demonstrationen, die sich im letzten Herbst gegen ein umstrittenes Wahlrecht der Zentralregierung in Peking richteten, haben die politische Landschaft in der Sonderverwaltungszone erschüttert, mit seismografischen Auswirkungen auf die gesamte Volksrepublik. Doch so sehr gesellschaftliche Unruhen und Verwerfungen in der Vergangenheit künstlerische Aufarbeitungen inspiriert haben, so gering scheint der Einfluss der jüngsten Krise auf die chinesische Kunstszene auszufallen. Wer sich vor einigen Wochen bei der "Art Basel" in Hongkong umschaute, sah beispielsweise abstrakte Graffitis aus Nordchina und hörte Sektkorken knallen, wenn sich geschmeidige Kunsthändler in Armani-Anzügen über gut dotierte Schecks freuten. Über Politik oder politische Kunst redete kaum jemand.

Seltener Paukenschlag

Er war einmal ein "Rebellenkünstler": Wang Keping. - © Wang Keping
Er war einmal ein "Rebellenkünstler": Wang Keping. - © Wang Keping

In diesem Vakuum wirkte die Performance des Pekinger Künstlers Huang Rui mit dem Namen "Red Black White Grey" fast wie ein Paukenschlag: Der 63-Jährige beschmierte vier nackte Frauen mit schwarzer und weißer Farbe und legte sie auf Flaggen, die an das Emblem von Hongkong erinnerten. Auf dem Boden bildeten sie daraufhin mit ihren Körpern vier Zahlen: "1997", das Jahr, in dem Großbritannien die frühere Kolonie an China zurückgab, "2047", das Jahr, in dem Hongkong vollständig mit dem Festland verschmelzen soll und zuletzt 2015, unterlegt von elektrisch verstärkten Violinen und hämmernden Trommeln. Das verdutzte Publikum blickte verlegen zur Seite, kaum jemand wagte, zu applaudieren. Auch der Pekinger Künstler Xu Qu stieß auf wenig Interesse, obwohl er mit "Occupy Art Central" eine spektakuläre Installation vorstellte: zerfetzte, ineinander verkeilte, gelbe Regenschirme.

Huang und Xu gehören einer Generation von Künstlern an, die sich ihre Namen auf der internationalen Bühne mit systemkritischer Kunst erarbeitet haben. Ihr Urknall geht zurück auf das Jahr 1979, als Huang die behördlich nicht autorisierte Ausstellung "Stars" organisierte. Es waren damals vor allem der Maler Ma Desheng und der noch radikalere Bildhauer Wang Keping, die mit ihren Aktionen das Interesse der wenigen, ausländischen Kunstkritiker magnetisch auf sich zogen. Wang präsentierte etwa eine Skulptur mit dem Namen "Silence", ein aufgedunsenes Gesicht mit einem Pfropfen im Mund und brüllte im Beisein der Staatspresse: "Ich bin ein Rebellenkünstler!" Das Bild der sich auflehnenden Kunstavantgarde blieb international haften und färbte nach den niedergeschlagenen Studentenprotesten 1989 auch auf Künstler wie Fang Lijun, Yue Minjun und Wang Guangyi ab, die dem "Zynischen Realismus" oder dem "Politpop" frönten - und damit zu Millionären wurden.