Sie lässt sich beim Nägel-Inspizieren nicht stören, während sie fotografiert wird . - © Meyerowitz
Sie lässt sich beim Nägel-Inspizieren nicht stören, während sie fotografiert wird . - © Meyerowitz

Solche Chefs haben nicht viele. Als Joel Meyerowitz dem Fotografen Robert Frank, der mit seinen ikonografischen Bildern von "The Americans" (1959) einer der prägendsten Künstler des Genres war, begegnet, schmeißt er seinen ganzen Lebensplan hin. Er beschließt, auch Fotograf zu werden. Er geht direkt zu seinem Chef und kündigt. Der drückt ihm eine Kamera in die Hand, denn: "So eine wirst du brauchen."

Das Kunsthaus Wien zeigt nun eine große Retrospektive des vielseitigen US-Fotografen. Wobei es eigentlich ja nur zwei Pole sind, die Meyerowitz im Lauf seiner Karriere durchmessen hat. Da ist einmal das Festhalten der Bewegung, sei es als Beobachter von einer sich ewig drehenden Straßenszenerie in den USA. Oder sei es bei seiner Reise durch Europa, bei der er Menschen und Landschaft aus dem fahrenden Auto aufgenommen hat. Auf der anderen Seite stehen seine Arbeiten seit Mitte der 70er: Die hat Meyerowitz bewusst statisch gehalten, und auch ohne Menschen: wie jene Fotografien, die "die blaue Stunde" einfangen.

Wampe und Zeppelin


Joel Meyerowitz ist auch ein Pionier der Farbfotografie gewesen. Seine Kollegen fanden die in den 60ern vielfach noch zu kommerziell. Meyerowitz hingegen spielte bald effektvoll mit Kompositionen. Die Ausstellung zeigt in Gegenüberstellungen ganz konkret, wie manche Bilder einfach in Farbe deutlich besser wirken: wie etwa jene rausgestreckte Wampe eines Mannes am giftgrünen Teppichboden, die einen darüberfliegenden Zeppelin "spiegelt".

"The good catch", also einen guten Fang zu machen, das war das Ziel im ersten Kapitel von Meyerowitz’ Karriere: So entstanden ästhetisch-ironische Bilder, wie jenes, auf dem eine Frau wegen ihres ausladenden Capes armlos aussieht. Oder jenes, in dem eine Ticketverkäuferin in ihrer Kabine gerade den Kopf so hält, dass er hinter der runden Sprechanlage verschwindet. Immer wieder treten die Abgebildeten auch subtil in Interaktion mit dem eigentlich unsichtbaren Street-Fotografen. Wie jene Dame im London des Jahres 1966 mit der gewaltig toupierten Frisur und dem aufgeräumt-abschätzigen Blick. Oder jene Frau in einem Auto, das Meyerowitz im Vorbeifahren fotografiert hat: Sie ist offenbar von ausgesprochen schneller Auffassungsgabe gewesen und blickt folgerichtig den Mann mit der Kamera höchst entrüstet an.

Es sind präzise, aber lässige Momentaufnahmen, die eine Ära erzählen. Nicht zufällig steht das Automobil so im Vorder- (beziehungsweise Hinter-)grund. Es war eine Zeit des Vorwärtsdrängens, und auch eine Zeit, in der solche Statussymbole noch etwas galten.

Dramatisch und meditativ


Umso spannender, dass Meyerowitz sich schon Mitte der 70er entschloss, sich der Dynamik der Straße abzuwenden und eine Kamera zu verwenden, mit der schnelles Reagieren so gut wie unmöglich ist: eine großformatige Deardorff-Kamera, ein Exemplar wird auch in der Schau präsentiert. Besonders eindrucksvoll ist der Raum, in dem riesige Fotos versammelt sind, die er von Abendstimmungen am Meer gemacht hat. Die sind manchmal dramatisch rosa und bewölkt, aber meistens sehr zurückgenommen meditativ, mit fast nicht auszunehmenden Wölkchen und elegantem Farbenspiel zwischen Abendrot, Himmelblau und Dämmerungsgrau. Doch Meyerowitz begnügt sich nicht nur mit dem, was ihm die Natur bietet. Er widmet sich auch dem Zusammenspiel von echter und künstlicher Natur - wie in den Fotos von menschenleeren Schwimmbädern in unmittelbarer Nähe zum Meer. Manchmal unheimlich, manchmal postkartenidyllisch. Jedenfalls schon beim Ansehen seltsam erfrischend.

Wahrscheinlich aus Platzmangel in dieser ohnehin sehr ausufernden Ausstellung sind Meyerowitz‘ Fotos, die die Aufräumarbeiten am Ground Zero in New York dokumentieren, nur in Buchform vorhanden. Die Zeit zum Durchblättern sollte man sich aber nehmen.