Der Blick fällt mehr zufällig und erst gegen Ende des Besuchs der Ausstellung auf eine kleine Schwarzweißfotografie. Sie bildet jedoch den Ausgangspunkt zu Hana Usuis Präsentation im Anfang August eröffneten Salon M im 7. Wiener Bezirk.

Es ist das Porträt einer Gruppe von Kindern, darunter die Mutter der Künstlerin, aufgenommen 1945, während die Erwachsenen im Wald nach Pinienwurzeln suchten, aus denen Japan damals Treibstoff für Kampfflugzeuge gewann. Ihr metaphorisches Pendant findet diese Fotografie in einer von Usuis Grafiken, die ein Wurzelgebilde zeigt. Einem Röntgenbild ähnlich heben sich weiße Liniengebilde vom tiefschwarzen Hintergrund ab. Doch so hart wie hier sind die Kontraste in den Öl- und Tuschezeichnungen der Künstlerin nicht immer. Hana Usuis Zeichenkunst zieht ihre Bahnen mehr im Schattenreich transparent wirkender Einzelblätter oder einander überlagernder Papierschichten und ist bisweilen durch eine extrem reduzierte Liniensetzung definiert. Abstraktion und Reduktion sind in ihren Arbeiten stets an eine übergeordnete Erzählung gekoppelt. Im konkreten Fall an jene über das Trauma einer ganzen Nation, ausgelöst vor 70 Jahren durch die US-Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki. Bis heute leiden Tausende unter den Spätfolgen der nuklearen Verseuchung.

Mit "Schwarzer Regen" ist die Ausstellung überschrieben. Im Gedenken an die Atombombenopfer wurde sie konzipiert. Als schwarzer Regen wird jener radioaktive Niederschlag bezeichnet, der nach einer Kernwaffenexplosion oder nach einem Kernreaktorunglück fällt. "Schwarzer Regen" lautet auch der Titel des 1965 erschienen Romans von Masuji Ibuse. Schonungslos schildert der Schriftseller darin die apokalyptischen Ereignisse von 1945, die auf Tagebuchaufzeichnungen von Überlebenden basieren und bettet diese in eine Rahmenhandlung ein, welche die Folgen der Katastrophe für die japanische Nachkriegsgenerationen verdeutlicht. Wenn Hana Usui in einer neunteiligen Arbeit den Verlust der weiblichen Kopfbehaarung als Folge der Verstrahlung darstellt, bezieht sie sich auf ein zentrales Thema des Romans. Hier ist es die Nichte des Protagonisten, die als sogenannte "Hibakusha", als von der Strahlenkrankheit Betroffene, diskriminiert wird.

"Der Leichenhaufen war schwarz vor Fliegen", schreibt Ibuse an einer Stelle. "Manchmal störte sie etwas, ein Windhauch vielleicht, dann flogen alle mit lautem Gesumm hoch, nur um sich im nächsten Moment schon wieder auf dem Haufen niederzulassen." Hana Usuis "Requiem", eine von der Decke herabhängende, mit buddhistischen Sutren versehene Zeichenbahn, lässt entsetzliche Schilderungen wie diese nahezu physisch spürbar werden. Dennoch schwingt in allen Arbeiten eine über Grauen, Trauer und Verlust erhabene Schönheit mit, weshalb dieses Werk auch rein formal, abseits des narrativen Bezugs überzeugt.