Exzentrische Villen, in denen man auf Rampen von Stockwerk zu Stockwerk schreitet - weil das Raumgefühl so intensiver sei als auf einer Treppe. Flachdächer, auf denen sich Sonnendecks hinter dekorativen Schiffs-Schornsteinen verstecken - um den Preis, dass es durch die Decken regnet. Fensterbänder, über die Gesamtfassade gezogen - weil die moderne Stahl-Beton-Bauweise es erlaubt. Häuser, auf Säulen balancierend. Das waren Le Corbusiers Ideen für die Villen privater Auftraggeber. Exemplarisch: die schwebende Villa Savoye nahe Paris.

Stil-Ikone mit zwiespältigen politischen Ansichten: Le Corbusier, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1959. - © Richard Einzig/Arcaid/Corbis
Stil-Ikone mit zwiespältigen politischen Ansichten: Le Corbusier, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1959. - © Richard Einzig/Arcaid/Corbis

Gigantische Wohn-Maschinen, in denen Menschen "funktionieren", beziehungsweise für die Arbeit funktionsfähig erhalten werden, die erdachte er für die Masse. "Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen . . . Ein Sessel ist eine Maschine zum Sitzen . . ." So wurde Le Corbusier weltberühmt. Seine Mega-Anlagen, sogenannte "unités d’habitation" (eine Art Vorgängermodell der Fertigteil-Plattenbauten) ernteten bald Kritik: beispielsweise die Cité radieuse in Marseille, ein Betonmonster inklusive Hotel und Wäscherei, das auch Raum für körperliche Ertüchtigung, für Sozialeinrichtungen und Geschäfte bietet. Und für Wohnungen - diese, genormt nach dem "goldenen Schnitt", sollten das gestresste Individuum der Moderne Muße finden lassen.

All diese Funktionen in einem Gebäude zu verwirklichen, dazu nützte Le Corbusier neueste Technologien, wie er sie etwa bei den Brüdern Perret in Paris kennen gelernt hatte (sie erbauten unter anderem das Pariser Théâtre des Champs Elysées in modernster Beton-Stahlbauweise). Le Corbusier holte mittels Glas und Verzicht auf Zwischenwände viel Licht in seine Gebäude. Er plante Luft-Freiräume, Atria und Aussichtsterrassen. Sogar von der Inneneinrichtung moderner Ozeandampfer bezog er Inspiration für rationelles Wohnen.

Doch der im Schweizerischen La-Chaux-de-Fonds, einem Mekka der Präzisionsuhrenindustrie, 1887 als Charles-Edouard Jéanneret-Gris geborene Technik-Freak erkannte auch die Grenzen des Fortschritts. Zumindest für sich selbst. Die eigenen Wohn-Ansprüche minimierte er, und zwar so extrem, wie er seine Mega-Wohn- und Stadtkonzepte in X-Large ausreizte. Quasi als Konzentrat seiner Planungsideen baute er für sich selbst eine schiffskabinen-ähnliche Holzhütte an der Côte d’Azur, nahe Menton. Sein Cabanon maß 3,66 mal 3,66 Meter. Gäste waren irritiert: Das Klosett, von dessen Design er schwärmte, stand inmitten des Raumes.

Le Corbusiers Büro-Mitarbeiter beschrieben seinen Führungsstil als eine Mischung aus Autokratie, Autorität und manchmal einem Quäntchen Verständnis. Kein einfacher Chef. Der Architektur-Revolutionär baute so radikal, als gelte es, sein Handwerk neu zu erfinden. Seine Ideen sprudelten auch abseits der Baustellen: Er malte, schrieb Artikel und Bücher. Der Motor seiner Geistesmaschine schien über unbegrenztes Potential, quasi über Rennpferde-stärken zu verfügen.

Dabei war Le Corbusiers Baulust ortsunabhängig. Er reiste mit dem Schiff, dem Zeppelin, dem Flugzeug, um in Japan, den Vereinigten Staaten, in Argentinien und Brasilien Gebäude-Spuren zu hinterlassen. Und nicht zu vergessen: in Moskau!

War er so unpolitisch? Oder doch: So politisch? Hat er polyglott gearbeitet und gleichzeitig politisch national gedacht?

Es ist einfach, Le Corbusiers Design-Sessel als Stil-Ikonen des 20. Jahrhunderts zu erkennen. Einfach auch, seine Häuser zu lieben - oder als Betonmonster zu verachten. Schon schwieriger gestaltet sich die Beurteilung dieses Genies aus dem politischen Blickwinkel der Nachgeborenen.

Pünktlich zu seinem 50. Todestag (am 27. August) deckte man Le Corbusiers Nähe zum Faschismus auf. 1940 sperrte der naturalisierte Franzose sein Büro in Paris, um in Vichy vorstellig zu werden. Er bot Maréchal Pétain, dem Staatschef des unbesetzten Frankreich, das mit Deutschland kollaborierte, seine Dienste an. Aus politischer Überzeugung? Oder doch aus dem starken Willen heraus, seine geniale Ideenmaschine am Laufen zu halten, sprich: aus Opportunismus?

Nietzsche-Leser

Blenden wir zurück: Schon in den 1920er Jahren etablierte sich auch in Frankreich eine neue Geisteshaltung. Als Schreibender, über die Zeitschrift "L’Esprit nouveau" ("Der neue Geist"), lernt Le Corbusier den Arzt Pierre Winter kennen. Dieser war überzeugt davon, dass nur körperlich Ertüchtigte den drohenden moralischen Niedergang Frankreichs noch hintanhalten können. Wie Le Corbusier war auch Winter begeisterter Nietzsche-Leser. Beide gehörten zu den Anhängern von dessen Vision des Übermenschen. Und um die "Mens-sana"-These in die Praxis umzusetzen, spielten Winter und Le Corbusier jede Woche gemeinsam Basketball.

1925 war Le Faisceau, die erste faschistische Kleinpartei der Dritten Republik Frankreichs, gegründet worden. Es gärte im Land. Der Ex-Monarchist Georges Valois forderte eine neue Nationale Revolution, die statt auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf den Werten Militär, Familie und Produktivität basieren sollte. Pierre Winter wird zum Medizin-Berater der nationalrevolutionären Bewegung. Man kennt und schätzt einander innerhalb der rechten Polit-Elite, selbstverständlich hat Valois "L’Urbanisme", eines der Hauptwerke von Le Cobusier, mit größter Begeisterung gelesen. Die Intellektuellen dieses Kreises sind sich einig: Einzig der Faschismus sei die Bewegung, in der die Initiative des Einzelnen multipliziert werden könne: durch die Masse.