Filigran: Soldatenporträt im Stellrahmen aus Hufeisen mit Pferdehuf, 1915. - © ila Moschik
Filigran: Soldatenporträt im Stellrahmen aus Hufeisen mit Pferdehuf, 1915. - © ila Moschik

Wir kennen Kaminsimse oder Kommoden voller Familienfotos in vielerlei Rahmung. Dieser weit verbreitete private Inszenierungskitsch berührt offenbar zuweilen Tabus, denn manche Firma verbietet ihren Mitarbeitern die Aufstellung solcher Kitschinseln.

Doch am Beginn der Fotografie war ihre Inszenierung wegen der seltenen und teuren Technik als Stütze der Erinnerung noch viel üppiger, wie uns alte Interieuraufnahmen und Rahmungen aus Samt, Schnitzwerk, Metallblumen und Elfenbein zeigen.

Burgschauspielerinnen wie Amalie Schönchen arrangierten 1901 ganze Wandaltäre, mit Kränzen geschmückte Selbstporträts und kleine Stellrahmenwälder ihrer Familie und Freunde in ihre ohnehin schon mit Vorhängen, Möbel und Blumenbuketts vollgeräumten Wohnungen.

Die Sammlung und die Dissertation der Kuratorin Mila Moschik widmen sich diesem kulturwissenschaftlich so brisanten Thema mit Beispielen vom 18. Jahrhundert bis heute.

Kleinode der Erinnerung


In der Schau im Photoinstitut Bonartes wird aber vor allem der Zeitraum von der einmaligen Daguerreotypie und ihrer teuren Schutzrahmung bis zum industriellen Standard der Carte-de-Visite-Fotografie von 1860, mit Aussichten bis nach dem Ersten Weltkrieg beleuchtet.

In einzelnen Kapiteln sind als Themen Liebe (Hochzeitsfoto) und Tod, aber auch das besondere Andenken an den Eintritt in die Armee oder die Stammbäume von Vereinen behandelt. Dafür wurden außergewöhnliche Materialien und aufwendige Handarbeit aufgebracht, um die Kleinode der Erinnerung stimmungsreich zu inszenieren. In ersten Musterkatalogen von Rahmenhandlungen ab 1850 wie dem Josef Wachtls zeichnet sich der Wandel von den einmaligen Stücken zur Souvenirindustrie für alle und auch zur Werbung ab.

Auf Tellern, Vasen, Schokoladen und emailliert auf Gräbern kommt die Fotografie dann breit zum Zuge. Für Jäger gibt es besondere Erinnerungsrahmen aus Geweihen oder getrockneten Ästen und Pflanzen, die Muschelrahmen von Urlaubsorten existieren ja noch heute zur Stillung unseres Kitschbedarfs.

"Unsere liebe Maria"


Die besonders filigranen frühen Arbeiten sind meist von Frauen gemacht, deshalb werden auch Wäscheklammern zum Rahmenschmuck, im Krieg haben Soldaten allerdings selbst Angst und Langeweile überwunden, indem sie Fotoporträts zur Erinnerung mit Patronen oder Hufeisen kombinierten.

Besonderes Beispiel ist ein auf einen Pferdehuf platziertes Beispiel eines Kavallerieoffiziers. Die haptische Erweiterung in Glaskästchen ging zuweilen weit über das von Malerei und Grafik Gewohnte hinaus. Starb ein Kind, wurde die Aufnahme vom Totenbett im Kastenrahmen mit Blumenranken aus echtem Haar neben Perlen, Textil, feinem Draht und Blattgold erweitert: "Zur Erinnerung an unsere liebe Maria" lässt heute die leicht ekelerregende Assoziation aufkommen, dass die zu Blüten geflochtenen blonden Haarsträhnen von Maria selbst stammen. Der Reliquienersatz verrät die Einstellung zum Dekor, Material und psychologischen Umgang mit Erinnerung. Das Zugeständnis an ein unterschiedliches Maß von privatem Kitsch zeigt auch den sozialen Wandel.