Seit dem Zusammenbruch der Textilindustrie in den Jahren 1975 bis 1985 herrschte und herrscht bis heute in der nordfranzösischen Stadt Lille eine Arbeitslosigkeit von 20 bis 25 Prozent, und das nun schon in zweiter Generation. Um gegen die Depression anzukämpfen, setzt Martine Aubry, seit 2001 Bürgermeisterin, auf Kunst in umfassendster Form des Begriffes. Der Aufschwung kam, als Lille 2004 europäische Kulturhauptstadt wurde. In der Folge wurde die Organisation "Lille 3000" gegründet, die alle zwei Jahre große Themenfestivals auf die Beine stellt. Das diesjährige - vom 26. September bis 17. Jänner 2016 - steht unter dem Motto "Renaissance". Die fünf Städte Detroit, Seoul, Rio de Janeiro, Phnom Penh und Eindhoven sind eingeladen, ihre Vision einer "Renaissance", etwas heutiger ausgedrückt: eines Neustarts künstlerisch zu präsentieren. Lille selbst brilliert mit interessanten Ausstellungen im ehemaligen Postlager Tripostal und im Palais des Beaux Arts. Auch Vororte wie das ehemalige Textilzentrum Roubaix oder die Bergbaustadt Hem werden mit Ausstellungen bespielt.

Neue Wege überlegen, neue Lösungsansätze finden - das liegt als Thema im Trend der Zeit. Um aus der allgemeinen Endzeitstimmung, gefördert durch die Diskussionen um Klimawandel, Ressourcenknappheit und Veränderung der Lebensbedingungen in den Megastädten, herauszukommen, ruft man allerorts zum positiven Umdenken auf: "Lille Renaissance" hat als Motto Peter Sloterdijks Werk "Du musst dein Leben ändern" gewählt und sich damit ein hohes Ziel, vielleicht, wie die Praxis einiger Ausstellungen zeigen wird, allzu hohes Ziel gesteckt. Ähnlich wie im 15. und 16. Jahrhundert, als es darum ging, das Wissen der Antike mit dem zeitgenössischen zu verbinden und neu zu beleben, will auch "Lille Renaissance" aufzeigen, wie sich durch die Kunst Denken, Lebensformen und Zukunftsvisionen ändern können.

"Tu dois changer ta vie" (Du musst dein Leben ändern) heißt deshalb die Ausstellung im Tripostal, wo das Thema Renaissance aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Allerdings ist nicht immer der Rückschluss vom Werk auf das Thema evident, weil dem Gesamtkonzept eine starke Kopflastigkeit zugrunde liegt. Ob nach dem Besuch der Ausstellung auch nur ein einziger Besucher sein Leben ändern wird, erscheint fraglich.

Ausstellung der Lebensfreude


Klar und erfrischend hingegen sind Konzept und Botschaft der Ausstellung "Joie de vivre" (Lebensfreude) im Palais Beaux Arts. Bruno Girveau, Direktor des Museums, hat mit seinem Team Werke aus allen Epochen und Ländern zum Thema "Lebensfreude" zusammengestellt, aufgefächert nach Titeln wie "Sous le soleil" (Unter der Sonne), "Bonheurs" (Glücksmomente), "Liens" (Beziehungen), "Liesses" (Ausgelassenheit), "Corps joyeux" (heitere Körper). Gut möglich, dass diese Ausstellung Lebensfreude weckt und so gesehen eine Lebensänderung herbeiführt.