• vom 01.10.2015, 16:16 Uhr

Kunst

Update: 29.10.2015, 15:35 Uhr

Interview

"Einzigartige Erfahrungen"




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Von Petra Paterno

  • Matti Bunzl, der neue Direktor des Wien Museum über Neuerungen und das Museum als Labor der Zivilgesellschaft.

"Das Wien Museum ist eine Plattform, um über Fragen der Stadt nachzudenken": Matti Bunzl, 44, leitet ab Oktober das Wien Museum, das "ein Labor der Zivilgesellschaft" werden soll.

"Das Wien Museum ist eine Plattform, um über Fragen der Stadt nachzudenken": Matti Bunzl, 44, leitet ab Oktober das Wien Museum, das "ein Labor der Zivilgesellschaft" werden soll.© Robert Newald "Das Wien Museum ist eine Plattform, um über Fragen der Stadt nachzudenken": Matti Bunzl, 44, leitet ab Oktober das Wien Museum, das "ein Labor der Zivilgesellschaft" werden soll.© Robert Newald

"Wiener Zeitung":Vor 24 Jahren gingen Sie zum Studium in die USA, haben dort eine universitäre Laufbahn als Kulturanthropologe eingeschlagen. Wie betrachtet ein Heimkehrer das heutige Wien?

Matti Bunzl: Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen, meine Familie stammt aus Wien, einer meiner Forschungsschwerpunkte bezog sich auf Österreich und Wien, ich war die ganze Zeit über regelmäßig in Wien, habe die Entwicklungen der Stadt miterlebt. Eine neue Erfahrung ist für mich hingegen die hiesige Berufswelt.


Wurde Ihr Büro am Karlsplatz zum Kulturschock?

Das mag ein zu starkes Wort sein, aber der Stil ist anders, Strukturen sind hierarchischer. Das heißt nicht, dass es in den USA keine Hierarchien gäbe, aber sie werden nicht so zelebriert wie hier, was Auswirkungen auf die Zusammenarbeit, das Wir-Gefühl und eine gewisse Offenheit im Umgang miteinander hat.

Fiel Ihnen der Umzug schwer?

Es wäre vermessen zu sagen, es wäre mir leicht gefallen, alles was ich in den USA aufgebaut habe, hinter mir zu lassen. Aber ich liebe Wien, mich hier einzubringen, war immer ein Traum. Das Wien Museum betrachte ich als großartige Chance. Schon als Kind war es mein Lieblingsmuseum. Die Stadtmodelle hatten es mir besonders angetan, weil die Modelle anschaulich zeigen, dass Geschichte Wandel bedeutet.

Die Präsentation der Stadtmodelle gilt mittlerweile als veraltet. Die Erneuerung der Dauerausstellung wird eine Ihrer zentralen Aufgaben. Welche Pläne haben Sie?

Wichtig ist mir, bei der Präsentation Position zu beziehen. Die Geschichte der Stadt Wien soll als global dargestellt werden. Wien, wir es heute kennen, ist im frühen 13. Jahrhundert entstanden. Mit dem Lösegeld, das zur Befreiung Richard Löwenherz gezahlt wurde, konnte die Stadt ausgebaut werden. Daraufhin etablierte sich Wien als internationaler Handelsplatz, vor allem als Umschlagplatz für mediterrane Luxuswaren in den Rest Europas, und stieg zu einer der zentralen europäischen Metropolen auf.

Soll die neue Dauerausstellung interaktiv und multimedial gestaltet werden?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen partizipatorische Ansätze, aber was die Art der Präsentation betrifft, sehe ich mich eher als Traditionalist. Wir leben in einer Welt, in der Informationen über Google und Wikipedia jederzeit verfügbar sind. Warum sollte jemand ins Museum gehen, wenn er dort denselben medialen Mitteln begegnet, die er ohnehin zu Hause hat? Welche Erfahrung können Museen vermitteln, die wirklich einzigartig sind? Es sind die Objekte! Die Aura eines Artefakts, das historische Echo ist eine zentrale Attraktion, die ein Museum zu bieten hat.

Die nächste Herausforderung Ihrer Direktionszeit ist der Museumsneubau. Wie ist der aktuelle Stand?

Es ist wohl das größte Kulturprojekt der Stadt Wien in diesem Jahrzehnt - und wir sind mitten im Architekturwettbewerb. Es gab 274 Einreichungen, im November werden wir die Gewinner präsentieren. Vermutlich beginnt 2017 die Bauphase, die für zwei bis drei Jahre anberaumt ist.

Gibt es ein Ausweichquartier?

Gern würde ich nicht nur einen Ausweichort bespielen, sondern mit variabel auf- und abbaubaren Räumlichkeiten durch die Bezirke touren. Wir sondieren derzeit verschiedene Möglichkeiten.

Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen - diesen Zugang prägte Ihr Vorgänger Wolfgang Kos. Wie werden Sie vorgehen?

Ich sehe mich in derselben Tradition, werde dieses Programm weiterführen, aber den komparativen Zugang stärken und neue Themen lancieren. Im September 2016 werde ich mit "Sex and the City" die erste große Ausstellung über die Geschichte der Sexualität in Wien zeigen. Angelehnt an Foucault werden wir aus kulturhistorischer Sicht herausarbeiten, dass die moderne Sexualität eine urbane Erfindung ist.

Wie sieht die Finanzlage des Wien Museum aus?

Wir befinden uns im selben Dilemma, wie alle anderen: Die Valorisierung fehlt, Fördermittel werden nicht an steigende Personalkosten angepasst. Wien wächst, aber die fiskalen Mittel sind durch den Stabilitätspakt begrenzt, diese strukturelle Krise betrifft nicht nur die Kultur, auch im Gesundheits- und Bildungswesen wird gespart. Wir müssen kollektiv mit der Stadt an einer Lösung arbeiten, es ist unsere gemeinsame Verantwortung, das kulturelle Angebot der Stadt zu sichern. Wir brauchen eine finanzielle Strategie.

Die Stadtbevölkerung wird heterogener, etwa jeder zweite Wiener hat bereits Migrationshintergrund, derzeit erleben wir eine große Flüchtlingswelle. Welche Rolle kann ein Stadtmuseum in diesem Spannungsfeld spielen?

Das Wien Museum ist als Verwalter und Interpret des Kulturerbes der Stadt eine Plattform, um über Fragen der Stadt nachzudenken. In Bezug auf die Flüchtlinge können wir - ohne die Thematik schönzureden - ein Narrativ anbieten, das Migration nicht nur als fremd, ungewohnt, schwierig behandelt, sondern als Chance. Das Wien Museum kann ein Labor für die Zivilgesellschaft sein.

Ein derzeit viel strapaziertes Wort. Können Sie Ihr Vorhaben näher erläutern?

Wir eröffnen vor dem Museum eine öffentlich begehbare Installation, in der die Geschichte der Migration seit dem Zweiten Weltkrieg verhandelt wird. Hätte es seit den 70er Jahren nicht laufend Migrationsströme nach Wien gegeben, wäre die Stadt geschrumpft, stattdessen haben wir eine wachsende und eine boomende Stadt.

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Dokument erstellt am 2015-10-01 16:20:04
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