Was kann Europa in Sachen Migration von Amerika lernen?

In den USA gibt es eine geniale subkulturelle Identitätsstruktur: Man ist Latino-American, Italian-American, ich war Austrian-American. Der Umstand, aus einem anderen Land zu kommen, macht einen nicht weniger zu einem genuinen Amerikaner, weil jeder einmal von irgendwo hierherkam. Das Partikulare kann im Pluralismus aufgehen, aber bleibt einzigartig. Dieses Konzept gibt es in Europa nicht, dabei wäre gerade Wien ein Paradefall: Das Wienerische war seit jeher eine Melange.

Zur Person

Bevor der neue Manager am Karlsplatz ins Ausstellungsjahr 2016 startet, erfolgt ein Comeback: Die Virgilkapelle, einer der laut Wien Museum größten mittelalterlichen Innenräume, wird wieder eröffnet. Der Sakralbau beim Stephansdom ist aus konservatorischen Gründen seit 2008 geschlossen. Ab 12. Dezember wird das 800 Jahre alte Exponat wieder öffentlich zugänglich sein - samt Dauerausstellung zum mittelalterlichen Wien.

Zu den Highlights im kommenden Jahr wird laut Bunzl eine große Prater-Ausstellung im Frühjahr gehören. Sie beleuchtet die 250-jährige Geschichte des prominenten Wiener Freizeitareals, das Erholungsgebiet, Weltausstellungsheimat und Vergnügungspark gleichermaßen war bzw. ist. Auch eine Sozialgeschichte der Kopfbedeckungen sowie eine Schau mit Fotografien des Grafikers und Journalisten Robert Haas sind im Ausstellungs-Line-up zu finden.

Im Herbst geht es dann um nichts Geringeres als eine "Konstante des menschlichen Daseins", wie es in der Ankündigung heißt. Die Arbeits-Überschrift der Schau lautet "Sex", auch wenn dies nicht der endgültige Titel sein werde. Angekündigt ist eine Kulturgeschichte der Sexualität in Wien. Ganz aktuell hat das Wien Museum auf die Flüchtlingskrise reagiert. Vor dem Eingang wurde eine kleine Präsentation zum Thema Asyl in Wien installiert. Dies sei Teil des Bestrebens, das Haus, das in den kommenden Jahren erweitert und umgebaut wird, als Ort des Diskurses und "Labor der Zivilgesellschaft" zu positionieren. Und auch die Internationalisierung will Matti Bunzl forcieren: "Es geht darum, Wien im globalen Kontext zu zeigen."

So sind in den kommenden Wochen etwa Diskussionsveranstaltungen mit dem Historiker Pieter Judson oder auch dem
prominenten Holocaust-Forscher Timothy Snyder angesetzt. Am
1. Dezember startet das Format
"2 x 45 Minuten", bei dem jeweils über zwei Themen diskutiert wird. Zum Auftakt sind dies Antisemitismus und Islamophobie.

Prater, Sex und Asyl

Matti Bunzl, 44,

der Anthropologe und Sohn des Politologen John Bunzl, hatte an der University of Illinois einen Lehrstuhl inne, leitete ein "Humanities Festival" und ist ab Oktober 2015 Direktor des Wien Museum.