• vom 09.10.2015, 16:50 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Labor mitten im Geschehen




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Essl Museum zeigt Johanna Kandls konzeptuelle Frage an das Malmaterial als konkrete Kunst.

Johanna Kandl geht den Dingen malerisch mit kritischem Blick auf den Grund.

Johanna Kandl geht den Dingen malerisch mit kritischem Blick auf den Grund.© Helmut & Johanna Kandl Johanna Kandl geht den Dingen malerisch mit kritischem Blick auf den Grund.© Helmut & Johanna Kandl

Es ist keine Retrospektive, obwohl frühere Werke Johanna Kandls aus der Sammlung Essl den Auftakt machen, etwa das Temperabild mit dem Logo der Firma "Fritzelack" von 2002. Das Großformat weist biografisch auf die Kindheit der Künstlerin in der Farbenhandlung der Eltern in Floridsdorf hin. In mehrfacher Weise ist darin das ihr wichtige Scheitern integriert, künstlerisch, ökonomisch, und damit auch sozialpolitisch, sichtbar in Wort und Bild, denn das am Bauch liegende Kind hat rote Lackdosen auf gelbem Boden umgeworfen. Der das Motiv umkreisende Werbeslogan "Success is how high you can bounce when you hit botton" ist die unpassende Übernahme einer Textzeile aus einem Wirtschaftsmagazin. Die nicht ineinander greifende Logik der Inhalte von Bildmotiv und Sprache hinterlassen Rätsel, für die Künstlerin ein Hort der Geschichten mit Ursprung in der Kindheit.

"Konkrete Kunst" hat also mit der "Brünner Straße 165" (als Titel eines Videos zu diesem Ort) zu tun und nichts mit dem kunsthistorischen Begriff für die konstruktive, meist monochrome Richtung in Malerei und Plastik nach 1945, der Max Bill oder Helga Philipp angehörten. Kandls konzeptuelle Vorgangsweise geht den Dingen auf den Grund, und das meint hier der Begriff konkret.


Die Grundstoffe der Malerei
Der ganze Komplex ihrer Reise-Recherchen für Bilder, Videos und Installationen dieser Ausstellung befasst sich mit drei Grundstoffen der Malerei, den Materialien Terpentin, Mastixharz und Gummi Arabicum. Heinz Cibulkas Foto-Viererblöcke "Pechwald" von 1986 zeigen als Auftakt einen der letzten Pechverarbeiter an Föhrenbäumen im Wiener Becken, den Kandl im letzten Jahr erneut aufsuchte. Zur Erklärung der Hernsteiner Balsamterpentinerzeugung wird neben Materialien, Bildern und einem Video auch ein angeschnittener Baumstamm als begleitende Skulptur auf der Terrasse platziert. - es bleibt offen, ob er Kunst ist oder Relikt, wie manches Bild ein Zwitter zwischen reiner Malerei und Schautafel ist.

Die zweite Reise führt Besucher auf die Insel Chios zu den Mastixsträuchern, von denen einer auch im Topf die Schau begleitet wie die Harzbrocken, Pechgefäße und Lösungsmittel aus Terpentin und Leinöl die Gemälde und Experimentaltafeln begleiten. Schon der Aktionismus kannte das Arrangement seiner performativen Relikte; das Labor mitten im Geschehen ist vom Künstlerpaar Johanna und Helmut Kandl zusammengestellt, doch damit geht das Subjektive der Erzählung in die objektive Erzeugungsgeschichte über. Die Kunst reiht sich hinter die Geschichten über Produktion durch Menschen, die zu Wort kommen in den Videos. Besonders ungewiss der Ausgang der dritten Reise nach Afrika, in den durch Sanktionen isolierten Sudan.

Einzige Ausnahme im Handelsembargo ist Gummi Arabicum, gewonnen von der Senegal-Akazie, von der es Männer mit Kamelen an Orte wie Ubayyid bringen, wo es von Frauen gesäubert und zerkleinert und danach in die ganze Welt exportiert wird. Nicht nur Maler brauchen diesen Grundstoff als Bindemittel der Aquarellfarben, er wird für Coca-Cola und von der Pharmaindustrie für Medikamente benötigt. Kandl reiste durch ihre weltweiten Kontakte gefahrlos durch ein Land, von dem die Mehrheit ihr als Frau abriet. Der Lebensfreude der singenden und tanzenden Gummiverarbeiterinnen schloss sich die Künstlerin an: So sieht man sie gemeinsam tanzen, und in der Schau spricht auch das Signetbild von Stoffballen auf einem Bazar zur Geschichte der unverhüllten Frauen im islamischen Sudan. Eine Bilderwand in St. Petersburger Hängung schließt den Ausflug weg vom Eurozentrismus in eine Allerwelts-Versuchsstation der Kunst harmonisch ab. Die Schärfe der Konsumkritik ist hier zugunsten von Selbstironie abgeschwächt, die Poesie der Erzählungen verstärkt. Das goldene Vlies bekommen die Kandls dennoch - in einem Video.

ausstellung

Johanna Kandl. Konkrete Kunst

Günther Oberhollenzer (Kurator)

Essl Museum

Bis 31. Jänner 2016




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Dokument erstellt am 2015-10-09 16:53:05


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