Heiter bis wollig

(cai) Irgendwer hat einmal behauptet, Kunst käme von Können. Zumindest käme sie nicht von Wollen. Sonst hieße sie ja "Wulst". Aber natürlich hat er sich geirrt. Manchmal kommt Kunst nämlich schon von Wollen. Tschuldigung: von Wolle. Ohne n. Und sie heißt dann trotzdem nicht - "Socken".

Fred Sandback jedenfalls hat nicht gestrickt. Das war eher geometrisches Zeichnen im Raum. Seine Witwe und Nachlassverwalterin hat jetzt der Galerie Winter eine in ihrer radikalen Schlichtheit schlüssige Ausstellung auf den Leib (oder auf die Architektur) kuratiert. Hm, ein paar Wollfäden spannen, das ist doch keine Kunst. Das kann ja jeder Trottel, oder? Eben nicht. Es musste sogar eigens jemand aus Liechtenstein anreisen, der sich damit auskennt, wie man einen Faden in die Wand oder in den Boden einfädelt und die richtige Spannung erzeugt. Denn das geht viel eleganter als: Loch in die Wand bohren, Faden durchstecken und den Nachbarn anrufen, er möge, bitte, einen Knoten am andern Ende reinmachen.

Imposant: die imaginäre Wand in Venezianisch-Rot, die den Hauptraum in der Diagonale teilt und in der sich ein Portal öffnet. Zwei Fadenbündel, zwischen Plafond und Boden gespannt, bilden das Tor und laufen rechts und links davon flach auf dem Parkett weiter. Erinnert mich an einen Gag vom Andreas Vitasek: "Stellen Sie sich vor, hier wäre eine Wand, aber die müssen Sie sich wegdenken, weil sonst sehen Sie nichts." Nur dass man diesmal nix sieht, wenn man sich die Wand wirklich wegdenkt.

Ein mathematisch ausgeklügelter Dialog mit den Proportionen des Raumes. Und bei weitem nicht so simpel, wie es den Anschein hat. Das (oben offene) schwarze "Quadrat" im Eck hat gleich zwei untere Kanten. Die bringen den Verstand ganz durcheinander.

Galerie Hubert Winter
(Breite Gasse 17)
Fred Sandback, bis 23. Dezember
Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 14 Uhr

Das Stillleben nennt man jetzt Biomüll

(cai) Man kann einfach kein klassisches Früchtestillleben mehr malen. Ach, schmeißen die Künstler ihr Obst und Gemüse immer vorher weg, weil sie halt auch nur Menschen sind, die eben in einer perversen Wegwerfkultur leben? So ungefähr. Nett arrangierte Äpfel wären jedenfalls irgendwie peinlich. Fast schon surreal komisch.

Das Essen kann man sowieso nimmer unschuldig konsumieren, als wäre die Welt Bio und Fairtrade und die Paradeiser würden nicht um den halben Globus geschickt. Drum hat Sonja Gangl das Thema aktualisiert: "Global Still Life." Ihre schwarzen Müllsäcke lassen bloß noch erahnen, wie viele ungemalte Stillleben da reingestopft worden sind. Jö, Petersil! Der schaut aber eh völlig okay aus. (Vanitas im Schlaraffenland: Man entsorgt, was eigentlich noch gut ist.)

Fotorealistische Arbeiten. Technik: Finger auf Auslöser? Nein. Bleistift auf Papier. Ja gut, die Vorlagen sind Fotos. Vom Wiener Großgrünmarkt. Plastik, Pappe, Styropor - alles ist extrem stofflich. Und der Müll wird brav getrennt. Altpapier: Zusammengepresste Verpackungskartons. He, da steht: "Fat me." Ah so: "Eat me." Das aufgegeilte Auge kommt aus dem Schauen gar nimmer raus. Traurig: die einsame angefaulte Quitte. Valosn, valosn, wie a Stan auf da Stroßn.

Die Kompositionen orientieren sich passenderweise am spanischen Stillleben des 17. Jahrhunderts. Heute füttern die Spanier mit ihren Glashäusern ja die Mülltonnen, äh, Menschen in ganz Europa. Blätter, die mehr zu bieten haben als nur technische Finessen.

Krobath Wien
(Eschenbachgasse 9)
Sonja Gangl, bis 19. Dezember
Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 15 Uhr