• vom 18.11.2015, 16:24 Uhr

Kunst

Update: 18.11.2015, 21:23 Uhr

Ausstellungskritik

Die rauchende Emanze




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Leopold Museum zeigt "Flüchtige Schönheit. Kunst und Design im Wien der 1920er Jahre".

Heinrich Jungnickels "Rauchender Ziegenbock" durfte 1910 noch für Zigaretten werben.

Heinrich Jungnickels "Rauchender Ziegenbock" durfte 1910 noch für Zigaretten werben.© Leopold Museum Heinrich Jungnickels "Rauchender Ziegenbock" durfte 1910 noch für Zigaretten werben.© Leopold Museum

Die ehemalige Kunstsammlung der Austria Tabak heißt heute JTI Collection als Teil der Japan Tobacco-Industriegruppe. Die über 10.000 Objekte (Erstankäufe auf der Wiener Weltausstellung 1873 waren Meerschaumpfeifen) sind heute in einem Archiv in Hainburg gelagert. 1982 bis 2003 waren sie teilweise noch sichtbar im Seitentrakt des Museumsquartiers, die Schau "Flüchtige Schönheit" beschert der Sammlung im Leopold Museum bis Februar eine Art kleine Heimkehr.

Das liegt an Korrespondenzen mit Werken bekannter Künstler wie Oskar Laske, Franz von Zülow oder Anton Faistauer. Da ein Wettbewerb 1928 die damals renommiertesten Künstler der Secession und des Hagenbunds sowie die Künstlerinnen der Wiener Werkstätte für ein neues Produktdesign der Austria Tabak versammelte, kann ein künstlerisch wie kulturhistorisch bedeutendes Konvolut der Ergebnisse erstmals öffentlich präsentiert werden.

Information

Ausstellung

Flüchtige Schönheit

Sabine Fellner, Georg Thiehl (Kuratoren)

Leopold Museum

Bis 29. Februar 2016


Frau und Zigarette
Die Parallelaktion mit Ölbildern und Plakaten der Sammlung Leopold startet mit Ludwig Heinrich Jungnickels "Rauchendem Ziegenbock", einem Farbholzschnitt für die Secession von 1910, sowie mit Gemälden zum Thema Landschaft von Josef Dobrowsky, Ferdinand Kitt oder Albert Paris Gütersloh. Entwürfe und Ausführungen der Zigarettenschachteln und ihrer Innenseiten zeigen eine Werbeeuphorie für ein Produkt, das mit
13 Fabriken Vorzeigeunternehmen der Zwischenkriegszeit war und für wichtige Arbeitsplätze sorgte.

Um so mehr wollte man nach orientalischen Namen wie "Memphis" und "Ägyptische" auch mit neuen Marken wie "Jonny" oder "Smart" punkten. Erstmals kam mit "Asta" eine Frauenzigarette auf den Markt: Sie hatte ein Mundstück aus roter Seide, um Lippenstiftspuren zu verbergen. Die Innenseite der apfelgrünen Schachtel zeigt Carry Hausers Strandszene in Kritzendorf. Mit elf Künstlerinnen, die an dem Wettbewerb 1928 teilnahmen, ist der Frauenanteil extrem hoch. Selbst Oswald Heardtl, der die Marken "Blue Bird", "Jonny" und "Hudson" entwarf, musste sein Vorurteil gegenüber Künstlerinnen der Wiener Werkstätte, die er "skandalöse Pupperlwirtschaft" genannt hatte, revidieren. Trotz ihrer spannenden, teils geometrisch-abstrakten Beiträge sind Künstlerinnen wie Maria Angerer, Hedwig Denk, Mathilde Flögl, Mizzi Friedmann-Otten oder Maria Strauss-Likarz kaum bekannt. Es ist ein Verdienst dieser Schau, sie neben den Kinetistinnen erstmals ins Licht zu rücken. Denn diese Gruppe zeigt den Einbruch der Moderne in die Werbung stärker als die Figuren und Landschaftsthemen der berühmten Kollegen.

Neben Künstlerinnen und emanzipierten Raucherinnen waren Frauen in die Zigarettenherstellung involviert, deshalb hatte Austria Tabak erste Sozialeinrichtungen wie Kindergärten und Bäder. Heimatliche Landschaft und Tourismus waren Wunschthemen, weshalb sie neben Kabarettszenen, exotischen Motiven und Ornament vorrangig auftauchen. Auch Ernst Kreneks Skandalerfolgsoper "Jonny spielt auf" war eine Anregung. Neben Schachtel und Plakat war der Spielfilm werbewirksame Neuerung: "Spielzeug von Paris" bereichert die Raucheremanzen um die von Karl Kraus heftig kritisierten "Schenkelparaden" verruchter Revuegirls.

Ausstellung

Flüchtige Schönheit

Sabine Fellner, Georg Thiehl (Kuratoren)

Leopold Museum

Bis 29. Februar 2016




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-11-18 16:29:05
Letzte ─nderung am 2015-11-18 21:23:14



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