Ob die Siebenzahl der Auslands-Niederösterreicher und die Zwölfzahl der in das Bundesland zugezogenen Künstler im Fall der Sonderausstellung "Nahe Ferne oder Einfach gute Kunst" symbolisch ist, kann nicht beantwortet werden. In jedem Fall geht es dem kuratierenden Direktor des Lamun, Carl Aigner, um das gemeinsame Thema der Migration. Nicht nur die junge Generation hat ihre künstlerischen Ideen durch Reisen und internationale Anregungen bezogen und zuweilen in erste oder zweite Heimaten zurückgefunden; seit den 1980er Jahren ist es selten, dass ein Atelier nicht für einige Tage in der Woche gewechselt wird. Die Museen müssen sich seitdem auch immer mehr von den nationalen Bestimmungen lösen und diese Fluktuation durch großzügigere Betrachtung berücksichtigen. Wer wird nun als Niederösterreicher bezeichnet? Einer, der wie Paul Zwietnig Rotterdam schon seit 1968 in den USA lebt und dort mit seiner Lehre und Malerei Erfolg hat, kehrt höchstens für Ausstellungen oder Kurse an Sommerakademien zurück. Ein wenig anders ist es mit dem 40 Jahre in Frankreich ansässigen Michael Lechner, der 2014 nach Petronell zurückkehrte.

"Frühe Lust" von Wahlniederösterreicher Alois Mosbacher. - © Lamun
"Frühe Lust" von Wahlniederösterreicher Alois Mosbacher. - © Lamun

Neuniederösterreicher

Noch anders lebt und arbeitet eine in Schaffhausen (Schweiz) geborene Frenzi Rigling seit 2010 in einem Atelier bei Retz, das sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Maler Alois Mosbacher und ihren Söhnen neben dem zweiten Arbeitsort Wien bewohnt. Mosbacher ist eigentlich Steirer, wie Jakob Gasteiger Salzburger und Wiener ist. Neuniederösterreicher sind sie alle drei, auch der nahe Retz ansässige Wolfgang Lorenz, der durch seinen Hauptjob beim ORF überhaupt durchs ganze Land tingelte in Sachen Kultur. Seit seiner Pensionierung ist er "Alien" im neuen Bundesland und in der neuen Berufung. Der aus Wien zugezogene Maler Thomas Reinhold gehört wie Mosbacher zur Gruppe der "neuen wilden Malerei", die in den frühen 1980er Jahren vom Grazer Museumsmann Wilfried Skreiner nach Wien und in die Welt exportiert wurde, während der Grazer Kurt Ryslavy auch als Weinhändler in Brüssel lebt. Bei ihm ist Langenzersdorf der Ort des ersten Ateliers. Die Niederösterreicherei ist also sehr relativ - vielleicht so wie es der in Gföhl (Bezirk Krems) geborene Erwin Redl mit seiner großen kinetischen Lichtinstallation "Ascension (line 24)" wunderbar ausdrückt, wenn er durch Zeitschaltung variabel Tischtennisbälle in Glasröhren synchron nach oben zur Led-Lampe schickt. Auch Ventilatoren und Mikroprozessor sind an diesem illustren Steigen und Fallen mit beteiligt. Dazu passt die langjährige experimentelle Serie der Fotografin Inge Dick, die mit großen amerikanischen Polaroidkameras Tages- und Nachtzeiten in Farbmodulationen wandelte und lange in Altenburg bei Horn lebte. Sie zählt zu der Gruppe der "Konkreten", die sich in den "Exakten Tendenzen" auf Schloss Buchberg am Kamp 1979 zusammenschlossen.

Vielfalt der Themen

Kerstin Cmelka, die zwar in Mödling als Tochter eines Künstler- und Galeristenpaares geboren wurde, lebt in Deutschland und immer wieder New York. Als eine bekannte Medienkünstlerin baut sie performative Aspekte in ihre Foto- und Filmserien ein. Uli Aigner, in Gaming (Bezirk Scheibbs) geboren, begann als Keramikerin, ist aber als multimedial tätige Konzept-Künstlerin mit bunten Zeichnungen und Objekten nach einer Gastprofessur in München heute in Berlin tätig. Ihr Vorhaben "Eine Million Offenen Formen", das 2013 begonnen in vier Medien bis 2038 zur Ikonografie der Vasenform geplant ist, illustriert am besten die Vielfalt der in der Schau gemixten Themen und die geografische Breite. Ihre sozialen Recherchen führen im Fall monumentaler Repräsentationsgeschenke vom hiesigen Barockherrscher bis Borneo. Insgesamt also "Zeitstücke", wie die spannende Arbeit von Rigling mit bunten Krawatten, die sich als Regenbogenparade durch den Raum spannt, oder ihr Kommentar zum nicht ganz konfliktlosen Leben auf dem Land im "Herbstgedicht" mit Wespen.