Lubaba Alsheneh, Elektrotechnikerin. Seit dreieinhalb Monaten in Wien. Träumt von einem Tourismus-Büro. - © Linda Zahra
Lubaba Alsheneh, Elektrotechnikerin. Seit dreieinhalb Monaten in Wien. Träumt von einem Tourismus-Büro. - © Linda Zahra

Seit vier Jahren tobt der Krieg in Syrien. Wie unzählige andere auch hat die Fotografin Linda Zahra ihre syrische Heimat, die Stadt Salamieh, verlassen um vor der Gewalt zu fliehen. Vor einem Jahr und elf Monaten erreichte Zahra mit ihrem Mann, einem Filmemacher, und ihren zwei Kindern Wien.

Auf welcher Fluchtroute ihr das geglückt ist, möchte sie lieber nicht sagen. Aber sehr wohl, dass sie sich für Wien als Ziel ihrer Flucht nach eingehender Internetrecherche entschieden hat. Sie mag die Museen und die Tatsache, dass ihre Kinder ohne Angst in Schule und Kindergarten gehen können. Andere Familienmitglieder von Zahra sind dagegen nach Großbritannien und Schweden migriert.

Während der 13-jährige Sohn und die fünfjährige Tochter inzwischen perfekt Deutsch "mit österreichischem Akzent" sprechen, ist das Fremdsprachen-Gedächtnis von Linda Zahra völlig "durcheinander", wie sie sagt. Neben ihrer Muttersprache Arabisch wabern Brocken aus Englisch, Rumänisch, Französisch, Russisch in ihrem Kopf herum und vermischen sich. Jetzt lernt sie gerade, Deutsch, "es ist schwierig", passiv versteht sie schon viel, vor dem aktiven Sprechen schreckt sie noch zurück.

Die "Wiener Zeitung" traf Zahra, um mit ihr über ihre Fotoausstellung ("Insight") zu sprechen, die anlässlich des Internationalen Frauentags am Dienstag am Abend am Wiener Hauptbahnhof eröffnet wird. Der Ort ist bewusst gewählt: Der Bahnhof war einer der wichtigsten Orte für die ankommenden Geflüchteten im vergangenen Jahr.

Inas Altaweel, Designerin, seit sechs Monaten in Wien. - © Linda Zahra
Inas Altaweel, Designerin, seit sechs Monaten in Wien. - © Linda Zahra

"Wiener Zeitung": Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Porträts von syrischen Flüchtlingsfrauen in Österreich zu machen?

Linda Zahra: Ich wollte etwas über syrische Frauen machen, und zeigen, wie ich sie sehe. Denn in meiner Wahrnehmung sind syrischen Frauen sehr stark. Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um ihre Familie zu retten. Sie kämpfen kontinuierlich darum, eine bessere Zukunft zu bekommen. Ich habe auch den Namen (Insight) ausgesucht, weil ich hoffe, dass der das alles umschreiben kann. (Anm.: Das englische Wort bedeutet so viel wie Einsicht, Einblick, aber auch Erkenntnis.) Ich wollte einen Einblick in das Leben syrischer Flüchtlingsfrauen in Österreich geben. Und gleichzeitig zeigen, wie es in ihrem Innenleben aussieht. Was sie sich wünschen. Wir sind mehr als nur Nummern. Wir haben Träume, die wir verwirklichen werden. Und wir sind hier, weil es hier sicher ist.

Wie haben Sie die Frauen gefunden?

Ich habe eine Art Casting gemacht. Ich habe natürlich viele syrische Frauen hier in Wien getroffen, aber viele wollten sich nicht auf diese Art exponieren, noch dazu, wenn eine Ausstellung am Hauptbahnhof involviert ist. Das ist eine Frage von Mentalität. Viele von ihnen sind schüchtern. Ich habe 14, beziehungsweise mit mir selbst, 15, Porträts syrischer Frauen in Wien gemacht. Es sind die Bilder von sehr starken, ambitionierten, unabhängigen Frauen, Intellektuellen, die Teil der syrischen Gesellschaft sind. Es sind Fotos von Frauen, die fünf Jahre als politische Gefangene in Haft waren. Es sind Studentinnen. Es sind Ingenieurinnen. Und es sind aber auch genauso Hausfrauen, die davon träumen, Psychologie zu studieren. Seit Beginn der syrischen Revolution stand die syrische Frau dem Mann um nichts nach. Die Frauen sind auf die Straße gegangen, um für Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Dann sind viele - genau wie die Männer - inhaftiert worden, gefoltert, ihre Häuser wurden. Meine Fotos handeln von jenen, die es dann irgendwann mit ihren Familien, mit ihren Kindern nach einer langen, schrecklichen Reise nach Europa geschafft haben.

Rana Halak, Agrartechnikerin. Seit zweieinhalb Jahren in Wien. Hilft bei der Diakonie als Freiwillige. - © Linda Zahra
Rana Halak, Agrartechnikerin. Seit zweieinhalb Jahren in Wien. Hilft bei der Diakonie als Freiwillige.
- © Linda Zahra

Hatten Sie das Bedürfnis, das mediale Bild der syrischen Frau etwas zu korrigieren? Da sieht man ja zumeist verhärmte, von der Flucht gezeichnete Frauen mit Blick zu Boden.

Ja, oder man sieht sie inmitten von Schutthaufen oder in Warteschlangen vor Grenzzäunen. Das ist also der Situation geschuldet, dass sie so gezeichnet sind. Sie sind unsicher. Sie sind müde. Sie sind anonyme Nummern. Aber in meinen Fotos sind es Frauen, in einer neuen Situation, es sind Frauen, die hier leben, seit drei Monaten oder drei Jahren. Sie fühlen sich in Sicherheit. Sie fangen wieder an, über ihre Zukunft nachzudenken. Sie haben ihre Grundbedürfnisse abgedeckt. Sie fühlen sich wieder als Mensch.

Ihre Ausstellung wird am Dienstag, dem Internationalen Frauentag, eröffnet. Glauben Sie, dass Flucht, oder Migration von Frauen anders erlebt wird, als von Männern?

Ich glaube, das ist keine Frage des Geschlechts, sondern hängt von der Mentalität der jeweiligen Person ab. Aber im Kern haben Männer und Frauen dasselbe Anliegen: Sie setzen alle Hebel in Bewegung, um ihre Familie zu retten.

Sie sagen, Sie haben Fotos von Frauen gemacht, die sich wieder als Mensch fühlen. Dazu gehört auch, an die Zukunft zu denken. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich hoffe, dass ich beruflichen Erfolg haben werde, ich hoffe, dass es mir und meiner Familie gut gehen wird.

Wollen Sie in Österreich bleiben? Oder in ein anderes Land in Europa ziehen? Oder zurück nach Syrien?

Solange die Dinge so sind wie sie sind, wollen wir keinesfalls woanders hin. Ich mag Österreich. Ich mag Wien. Ich habe Österreich ausgewählt, ich habe im Internet gezielt nach möglichen Ländern für uns gesucht. Die Stadt ist ein einziges Kunstmuseum. Es ist eine der lebenswertesten Städte der Welt. Wenn der Krieg vorbei ist, will ich auf jeden Fall zurück nach Syrien. Das ist sicher. Ich weiß aber nicht, wie lang der Krieg dauert. Und ich weiß nicht, wie alt meine Kinder dann sein werden und ob sie zurückgehen wollen. Ich weiß es einfach nicht. In Syrien haben wir zuhause englisch gesprochen, weil mein Sohn in eine englischsprachige Schule gegangen ist, wo auch meine Tochter hin sollte. Jetzt, in Wien, spreche ich mit ihnen Arabisch, damit sie ihre Sprache nicht verlernen.