In Erika Giovanna Kliens "Salzburg - Mulln" ist die Abstraktion bereits spürbar. - © Belvedere
In Erika Giovanna Kliens "Salzburg - Mulln" ist die Abstraktion bereits spürbar. - © Belvedere

Die gegenstandslose Formkunst als Triumph der Vernunft ist ein Resultat der Formpädagogik im Zeichenunterricht der k.u.k. Monarchie. Sie kommt nicht aus Wassily Kandinskys München, denn sein Einstieg war metaphysisch von der Theosophie angeregt. Die Kunstgeschichte muss mit der Schau "Klimt, Kupka, Picasso und andere - Formkunst" von Kurator Alexander Klee im Unteren Belvedere wohl umgeschrieben werden. Denn was die Beethoven-Ausstellung der Wiener Secession 1902 zeigte, war nicht nur geometrisches Ornament, sondern tatsächlich der Aufbruch in die Gegenstandslosigkeit.

Formkunst als Schulalltag

So beginnt die Schau mit dem rekonstruierten Relief Josef Hoffmanns und mit dem ähnlichen Ausgangspunkt Frantiek Kupkas in Prag aus dem formal strukturierten Zeichenunterricht der Donaumonarchie. Nun sind die Zweifel ausgeräumt, welche Stadt und welche Künstlergruppe nach Impressionismus und Kubismus zur totalen Gegenstandslosigkeit überwechselte: Wien, Prag und Paris waren es, später auch Budapest.

In Wien und Prag war die Formkunst Schulalltag. Denn wie bei den Secessionskünstlern Gustav Klimt und Hoffmann war auch bei Kupka das geometrische Flächenornament bestimmend. Diese formalen Akzente hingen für die Künstler als "Tongestalten" eng mit der sinfonischen Musik Beethovens zusammen. Klee hat bereits in mehreren Publikationen zu Werken Adolf Hölzels, einem weiteren Protagonisten der Wiener und Münchner Secession, später in Stuttgart lehrend, auf das pädagogische Formkonzept des Zeichenunterrichts nach Johann Friedrich Herbart (1779-1841) im großen Kulturraum Donaumonarchie hingewiesen.

Mit der Ausstellung rücken die tschechischen und französischen Kubisten enger zusammen. Die Formtheorie wird aber ganz anschaulich mit den pädagogischen Holzspielzeugen der Zeit - Prag neben Wiener Werkstätte, gefolgt von den "Wiener Kinetistinnen" - sowie mit pädagogischen Konzepten in Büchern und auf Schautafeln für Schulen und Akademien erklärt. Das konstruktive Supraportenrelief Hoffmanns unter dem Klimtfries, 1902 am Abgang in den Hauptraum zur Beethovenstatue Max Klingers situiert, demonstriert den engen Zusammenhang von Mathematik, Musik und bildender Kunst. Der Musikpädagoge Eduard Hanslick nannte das "tönend bewegte Formen". Klee zeigt den in Wien als "Quadratl-Hoffmann" kritisierten Architekten und Designer vom Modell für das Sanatorium Purkersdorf über Möbel, Geschirr bis zu seinen rein formalen Grafiken.

Mathematische Grundlagen

Oswald Oberhubers Schau "Wille zur Form" von 1993 kann als programmatischer Anstoß einer neuen Sicht auf die Reformpädagogik gelten, denn auch er integrierte die Künstler aus Ungarn und stellte Hölzel in Bezug. Allen Skeptikern, die das Wiener Ornament als bloß dekorativ abtun und seine Anregung für den Aufbruch in die gegenstandslose Moderne bis jetzt abstreiten, legt Klee seine klare wissenschaftliche Abhandlung in Sachen Formalästhetik vor. Ihre große Verbreitung über die Schulen und Akademien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam durch freies Üben mit geometrischen Formen und Farbe, ohne inhaltliche Gebundenheit oder Abzeichnen nach der Natur. Der mathematischen Grundlage verband sich die sozialpädagogische Folgerung, durch die klare Schönheit der Formen, junge Menschen zur Vernunft zu erziehen.

Der sogenannte "Herbartianismus" wurde in Prag und Wien, verzögert auch in Budapest, durch Professoren für Ästhetik wie Robert Zimmermann und Franz Serafin Exner in Kunst, Wissenschaft und Pädagogik verbreitet; die Bezüge zur "Kippfigur" des Philosophen Ernst Machs breiteten sich über den Lehrer von Gertrude Stein wohl bis zu den Anfängen des Kubismus in Paris mit Pablo Picasso aus. Seine berühmten kubistischen Köpfe in Bild und Bronze von 1909 werden hier Otto Gutfreund und Emil Filla um 1912 gegenübergestellt, um den formalen Aufbau aus Dreiecken vergleichen zu können.

1881/82 ging die "geometrische Trigonometrie" Herbarts in die
k.u.k. Lehrpläne zur Schulung der Wahrnehmung durch Minister Leo von Thun-Hohenstein ein. Diese exakt-logische Richtung lag Staatskanzler Metternich, der die Kunstphilosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels für verderblich spekulativ hielt. Die geometrischen Vorgaben und Ornamente in Büchern und Schautafeln umgingen jegliche Zensur. Gedruckt wurden viele Materialien im Verlag von Adolf Hölzels Vater, Eduard Hölzel, in Olmütz und Wien.

Fortschrittliche Lehrkonzepte

Das Wissen, auch über den Ursprung der Collage in den Lehrkonzepten, sichtbar bei Franz von Zülow oder Alfred Roller, aber bis in die Spielzeuge von Carl Otto Czeschka, Josef Čejka oder Minka Poshajská, ist durch die Isolierung der Nationalstaaten fast verloren gegangen. Und das, obwohl die Wiener Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst) nach den Anleitungen Franz Čižeks und Leopold Wolfgang Rochowanskis 1920/30 für die "Wiener Kinetistinnen" wie Erika Giovanna Klien oder Friedl Dicker-Brandeis eine Fortsetzungen im Lehrplan zu "Theorie der Form" von Herbert Tasquil nach 1945 und bei Fritz Wotruba an der Akademie der bildenden Künste fand.

Neben außergewöhnlichen Leihgaben aus ganz Europa sind die Themengruppen spannend kombiniert, Skulpturen, Modelle und Möbel gleichwertig arrangiert, der Grundgedanke im Katalog durch hervorragende Textbeiträge weiter ausgeführt. Der Denkraum zwischen den Städten Prag, Paris und Wien, bei allen Unterschieden, durch diese einheitliche formale Zeichensprache, die hier Alltag, dort aber Neuanstoß war, macht auch die Zusammensetzung des Bauhauses sehr viel besser verständlich. Ein neuer Blick, der Kunst, Wissenschaft und Pädagogik enger zusammenführt.