Die Malerei ist keine Scheibe

(cai) Wie viele Ecken hat ein Gemälde? Blöde Frage. Vier natürlich. Und wenn es rund ist, dann entweder keine oder unendlich viele. (Das ist Ansichtssache.) Falsch. Beim eckigen Bild können es genauso gut zehn sein. Oder 14. Ich hab sie abgezählt.

In der Galerie Winter sind nämlich die farblich (auf Grautöne und Schwarz) und formal (auf einfache Geometrie) reduzierten 80er und 90er Jahre von Helga Philipp ausgestellt. Und die 2002 verstorbene Künstlerin mit dem weiblichen Vor- und dem männlichen Nachnamen hat sich eben von den Amerikanern zu unkonventionell geformten Leinwänden anregen lassen. Zu "Shaped Canvases". Hat an die Rechtecke was angestückelt und damit die räumliche Illusion verstärkt. Denn die Leinwand mag flach sein, doch die Malerei, die ist hier garantiert keine Scheibe. (Eine Kugel auch nicht. Eher ein Würfel.) Und das liegt nicht bloß am pastosen Farbauftrag.

Eine 36-teilige Arbeit (perspektivisch irritierend verzerrte Quader) leidet überhaupt an ADHS, dieser Hyperaktivitätsstörung. Springt vor und zurück, kann einfach nicht stillhalten. Da erkennt man den Stammbaum. Die Op-Art. Und die kinetischen Objekte von Helga Philipp machen ja ebenfalls viel Bewegung. Noch dazu ist in die Farbe Grafit- und Alustaub "eingeackert" worden und das reflektierte Licht macht alles gleich noch lebendiger. Sollten die 36 Tafeln wegen dieser ganzen Kinetik von der Wand fallen: Keine Sorge, ich könnte sie in der richtigen Reihenfolge wieder aufhängen. Wenn man das ausgeklügelte System erst einmal durchschaut hat . . .

Die seriellen Grafitzeichnungen sind auf ihre Weise bewegt. Quasi filmisch. Das Ende wird aber nicht verraten. Nicht, dass man sich nicht denken könnte, wie’s ausgehen wird. Trotzdem spannend.

Galerie Hubert Winter
(Breite Gasse 17)
Helga Philipp, bis 31. März
Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 14 Uhr

Sie lügen doch eh die Wahrheit

(cai) Fotomodelle stellt man sich ja eigentlich anders vor. Jedenfalls sehen sie normalerweise nicht aus wie eine vollgestopfte Rumpelkammer. (Eine uncharmante Anspielung auf Fettablagerungen? Nein.) Und sie haben auch nicht die eher unweibliche Figur einer Liftkabine. Gut, es handelt sich um Modelle von Innenräumen, aber die werden ausschließlich für die Kamera gebaut. Also: Fotomodelle. Und bildschön und irgendwie sexy sind sie auf den unglaublich realistischen Aufnahmen sowieso.

Einmal im Jahr hat ein aufstrebendes Talent die Fotogalerie für sich allein. Catharina Freuis ist die Nummer sieben ("SOLO VII - Blendwerk"). Und die bastelt nicht bloß Wände, Türen und Fenster, sie macht obendrein noch mit aufwendigster Liebe zum Detail die Miniaturmöbel und Lampen fast alle selber. Liebling, ich habe das Wohnzimmer geschrumpft; es passt jetzt in eine Schuhschachtel. Die Fotografin (und Regisseurin, schließlich erzählen ihre menschenleeren und trotzdem beseelten, stimmungsvollen Räume oft Geschichten; he, einer leidet da offenbar an Schlafstörungen!) lässt alles weg, was nicht nötig ist, um die Situation zu erfassen. Nicht, dass ihre Models magersüchtig wären. Obwohl sie einen Raum auch sehr eindrucksvoll nur mit Licht einrichten kann. Und ihre bühnenreifen "Arrangements" (Sitzgruppen im Scheinwerferlicht) sind intime Kammerspiele. Sogar interaktiv. Denn ein Sofa starrt uns erwartungsvoll an, als wären wir der Fernseher und hätten es nun gefälligst zu unterhalten.

Diese Fotos täuschen das verblüffte Auge, doch sie lügen dabei immer die Wahrheit. Kein Photoshop. Und dann hat Freuis noch Mozarts 25. Symphonie radikal ins Räumliche übersetzt. Was die vier Sätze mit den Hochhäusern von New York zu tun haben und ob sie die musikalischen Motive wirklich mit Sesseln nachgestellt hat, das kann man sie ja beim Werkstattgespräch am 17. März fragen. 19 Uhr.

Fotogalerie Wien
(Währinger Straße 59, im WUK)
Catharina Freuis, bis 26. März
Di. - Fr.: 14 - 19 Uhr
Sa.: 10 - 14 Uhr