Ein Relikt der 70er: BMX-Rad, nur komplett mit Fuchsschwanz.
Ein Relikt der 70er: BMX-Rad, nur komplett mit Fuchsschwanz.

"Wozu soll ich mir eine Ausstellung über die Siebziger Jahre anschauen, wenn ich doch dabei war?", mag so manch fortgeschrittenes Semester angesichts des Themas der heurigen Ausstellung auf der Schallaburg murren. "Eben - genau das ist ja der Witz", könnte die Antwort der Macher der umfangreichen Schau lauten. Denn jede Ausstellung, die sich heute noch ein Jahrzehnt der späten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts zur Brust nimmt, muss sich daran messen, ob es ihr gelingt, die Nostalgietrugbilder der "Wickie, Slime und Paiper"-Welle, sozusagen den Retro-Tsunami, zu hinterfragen.

Auf der Schallaburg gelingt das in der seit Freitag für das Publikum zugänglichen Ausstellung in geradezu fabulöser Manier. Denn dafür, dass nur dosiert sentimentale "Ach ja - damals"-Gefühle aufkommen, sorgen die Macher alleine schon durch das Konzept. Statt Devotionalien aus den Siebzigern in tranig-grellem Disko-Ambiente zu inszenieren, diskutiert man die brennenden Fragen der Siebziger von Gesellschaft über Feminismus bis hin zur Umwelt neu und reflektiert dazu, wie es eben nur aus der Zukunft möglich ist.

Erfolg durch Seltsamkeit

Was man nicht alles lernen musste: Die freie Liebe blieb uns erhalten - so halbwegs. - © Schallaburg
Was man nicht alles lernen musste: Die freie Liebe blieb uns erhalten - so halbwegs. - © Schallaburg

Was ist geblieben von den Reformen in Erziehung, Strafrecht, Sozialem? Woran sind wir als Gesellschaft gescheitert? Und was mutet heute, aus der Distanz, so seltsam an, dass man daran den Erfolg ablesen kann? Wenn etwa eine Zeitungsschlagzeile in dicken Lettern verkündet: "Ein Pole wird Papst", dann wirkt das, wissend, was danach kann, komisch bis unverständlich. Wenn auf einer Pinnwand zum Thema Feminismus eine Anzeige hängt, in der eine Parfümerie-Kette zum "Tag der Frauen" sensationelle "minus 15 Prozent auf Gesichtscremes" auslobt, ist man geneigt zu sagen: "Ja, damals ging so was noch" - bis man feststellt, dass das Fundstück aus der Jetzt-Zeit stammt.

Genau das ist das Erstaunliche der faszinierenden Ausstellung: die immer wiederkehrende Standortbestimmung der heutigen Zeit, gemessen an der Messlatte der Siebziger. Wenn man etwa auf einem Plakat der Gewerkschaft liest: "Für Dich erreicht: Die 40 Stunden Woche", wirkt das fast wie ein Hohn, wenn man feststellen muss, dass vier Jahrzehnte später nicht nur kein Fortschritt feststellbar ist, sondern die technologische Entwicklung einer wie selbstverständlich vorausgesetzten ständigen Erreichbarkeit die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit längst zu Ungunsten der Werktätigen pulverisiert hat.