Voll eingeschlagen hat hingegen die sexuelle Befreiung, auch in den Siebzigern ein gerne verwendeter Reibebaum. In Zeiten, da Sex im Übermaß in jeder Form und an jedem Ort präsent ist, wirken Aufklärungsartikel aus der "Bravo" von anno dazumal heute ungefähr so aktuell wie Emilia Galotti oder der Werther. Nina Hagens seinerzeit skandalös inszenierter Masturbations-Auftritt im "Club2" konnte ein ganzes Land erschüttern. Heute, in Zeiten, in denen "the real thing" für alle abrufbar gerade einmal drei Klicks entfernt ist, ist er dort, wo er hingehört: ein Video-Dokument wie viele im Museum der Fernsehgeschichte.

Gender-Rauchschwaden


Das Fernsehen ist überhaupt ein starkes Thema in dieser Ausstellung, in der man sich plötzlich mitten in einem "Club2"-Studio wiederfindet. In einem von fünf "Debatten-Räumen" kann man hier Platz nehmen und diskutieren - Aufreger-Themen wie "Gendern - muss das sein?" liegen auf Kärtchen bereit. Stilecht hat man auch auf den gläsernen Aschenbecher nicht vergessen. Schließlich wurde im echten "Club2" ja noch geraucht, dass man vor lauter Schwaden die Diskutanten oft nur mehr vage wahrnehmen konnte - auch so ein Anachronismus und heute völlig undenkbar.

Mitmachen und selbst erfahren ist überhaupt etwas, das sich wie ein roter Faden durch die Schau zieht. Hier gibt es Bücher zu lesen, Buttons zu machen ("Gegen Nazis!") oder Transparente zu gestalten - für Angehörige der spätgeborenen Generation "Gefällt mir" erklärt man in einem frei aufliegenden Büchlein, wie man das alles macht - so ganz ohne App.

Letzte Station Diskokugel


Egal welches Thema, von Ausländern über Grenzen bis hin zu Medien, stellt man fest, dass vieles heute durchaus aktuell ist. Dies ist wahrlich keine Ausstellung, die die Siebziger auf zugegeben tragische modische Unfälle oder den Sonnenkönig Bruno reduziert, ein Fehler, den man ja durchaus hätte machen können. Alles hat einen kritischen Kontext, der so dicht ist, dass man in jedem der ein Dutzend Bereiche durchaus eine halbe Stunde verbringen könnte, ohne dass einem langweilig würde. Wenn einem dann die Ausstellung nach einer abgedunkelten Spiegelkugel-Disco wieder ins Freie entlässt, braucht man einen Moment, um wieder ins Jetzt zurückzufinden.

Gut, dass das Tagesticket heuer zur Saisonkarte wird, wie der künstlerische Leiter Kurt Farasin bei der Eröffnung ankündigte. Wiederkommen und neu erleben ist also durchaus möglich und erwünscht. Es lohnt sich jedenfalls.

Ausstellung

Die 70er - damals war Zukunft

Schallaburg

bis 6. November