Anna Koppitz fotografiert ihre "Speerwerfende Schülerin der Reichsschule Burg Neuhaus bei der Reichsnahrstandsausstellung in Leipzig" (1939) vor einem düster dräuenden Wolkenhintergrund in der Absicht, das Motiv zu dramatisieren und zu heroisieren. - © Nachlass Anna Koppitz
Anna Koppitz fotografiert ihre "Speerwerfende Schülerin der Reichsschule Burg Neuhaus bei der Reichsnahrstandsausstellung in Leipzig" (1939) vor einem düster dräuenden Wolkenhintergrund in der Absicht, das Motiv zu dramatisieren und zu heroisieren. - © Nachlass Anna Koppitz

Es waren freilich nicht die Aufnahmen von durch Zwangsarbeit und Hunger ausgezehrten Menschen, geschweige die von Leichenbergen, die die Öffentlichkeit während des Nationalsozialismus zu sehen bekam. Wenngleich es eben diese Schreckensbilder sind, die sich, von den Alliierten nach Ende des Zweiten Weltkriegs verbreitet, ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.

Das Propagandaministerium der NS-Diktatur verstand sich bestens auf die Lenkung und Kontrolle seiner Bilderlieferanten. Vor allem Fotografien galten als wirksamstes Mittel zur Implementierung und Verbreitung der faschistischen Weltanschauung.

Im Rahmen der NS-Propaganda wurden die Arbeiten von Fotografen seit 1934 durch das sogenannte Schriftleitergesetz zensiert. Fotografen und Journalisten hatten "Diener des Staates und Volkes" zu sein. Nichts drang nach außen, was den Vorstellungen des Regimes zuwiderlief. Die propagandistisch aufbereitete Verklärung durch fotografische Erzeugnisse strotzte nur so von Inszenierungen.

Suggestivkraft des Fotos

Bekannt sind die Aufnahmen von Hitlers "Leibfotografen" Heinrich Hoffmann, die den Diktator nicht nur als mythisch überhöhten Redner, sondern auch als kinderfreundlichen und hundenärrischen Privatmenschen zeigen. Selbst der Alltag in den Zwangsarbeiterlagern, Ghettos und KZs - sofern Aufnahmen davon überhaupt an die Öffentlichkeit gelangten - wurde als fröhliches Beisammensein inszeniert, Fotografien von Juden wiederum mit Bedacht auf rassenfeindliche Stereotype ausgewählt.

Die nationalsozialistische Führung war sich der Suggestivkraft von Fotos nur allzu bewusst. Wie sonst hätte sie darauf spekulieren können, dass die Masse darin ein Mittel zur authentischen Abbildung der Wirklichkeit und nicht ein Medium zur Manipulation sah?

Vor allem die Rassenlehre als Kernelement der Blut-und-Boden-Ideologie verlangte nach visueller Untermauerung. Folglich stand der menschliche Körper im Zentrum der Propagandafotografie. "Die heutige neue Zeit arbeitet an einem neuen Menschentyp", verkündete Hitler 1937 in seiner Rede zur "Großen Deutschen Kunstausstellung".

Das Ideal des großgewachsenen, blonden Menschen mit blauen Augen, dessen Erscheinungsbild mit Kraft, Schönheit, Reinheit und Willensstärke assoziiert wurde, fand durch entsprechende Abbildungen in den Printmedien Verbreitung. Die Zirkulation dieser Bilder gab Hitlers Machbarkeitsfantasien Halt und trug maßgeblich zur Ausgrenzung des "Anderen" bei.

Das "Heranzüchten kerngesunder Körper" stand ganz oben auf seiner politischen Agenda. Das Augenmerk galt dabei insbesondere der Jugend. Zur Indoktrinierung und körperlichen Disziplinierung wurden die Hitlerjugend und die Schulen benützt. Einen Sonderfall stellten die nationalsozialistischen Ausleseschulen dar, in denen man die künftige Führungsschicht heranzubilden gedachte.

Auf eine von ihnen wird man dieser Tage dank einer Ausstellung im Photoinstitut Bonartes aufmerksam. Zu sehen sind dort Fotografien sowie Titel- und Einzelseiten ausgewählter Propagandamedien, die vor allem hellhaarige Jungen und Mädchen in körperbetonten Trikots bei diversen Sportaktivitäten zeigen, aber auch in ländliche Trachten gekleidete Heranwachsende auf Blumenwiesen und beim Tanz. Viele Fotografien geben die Dargestellten in Untersicht und vor dramatischen Wolkenhintergrund wieder - Stilmittel, die kennzeichnend für die heroisierende Bildästhetik der NS-Zeit sind. "Im Dienst der Rassenfrage" lautet der aufrüttelnde Titel der Schau, der von der jugendlichen Unbeschwertheit ablenkt, die sich in den Bildern vermeintlich ausdrückt.

Die NS-Vorzeigemenschen

Wer aber sind diese jungen Vorzeigemenschen und von wem wurden sie derart in Szene gesetzt? Hier führt der Weg nach Wien zu Anna Koppitz. Als Frau des berühmten, 1936 im Alter von nur 52 Jahren verstorbenen Fotokünstlers Rudolf Koppitz ist sie mit eigenen Werken kaum in Erscheinung getreten. Anna hatte zwar schon vor der Heirat ein eigenes Fotostudio in Wien Margareten betrieben. Nach der Eheschließung 1923 wurde dieses jedoch unter dem Namen ihres Mannes geführt, dessen Aktfotografien und Lichtbilder vom bäuerlichen Leben sehr gefragt waren.

Als die Kuratoren des Photoinstitut Bonartes vor ein paar Jahren im Zuge der Vorbereitungen zu einer Rudolf-Koppitz-Retrospektive den Nachlass durchforsteten, stieß man auf jene Fotografien, die nun im Zentrum der Ausstellung stehen. Dass sie überhaupt entstanden sind, verdankt sich folgendem Umstand: Im April 1939 ließ Richard Walter Darreé, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft sowie Verfasser eugenischer Schriften, einen Brief schreiben, in dem er um die Zusendung von Rudolf Koppitz’ Fotografien zu Themen wie "Bauer und Landschaft", "Volk und Rasse", "Leibesübungen", "Gymnastik und Tanz" bat.

Anna kam diesem Wunsch nach, legte dem Antwortschreiben aber auch eigene Fotografien bei. Der Minister, der sich 1930 mit dem programmatischen Wälzer "Neuadel aus Blut und Boden" hervorgetan hatte, in dem er die rassische Erneuerung durch Hinwendung zur Bauernschaft vorschlug, fand Gefallen an ihnen und bedachte Anna Koppitz mit Aufträgen, die sie in die "Reichsschule des Reichsnährstandes für Leibesübungen Burg Neuhaus" am Stadtrand von Wolfsburg führten.