Künstler haben nun die Aufforderung des Theoretikers der Minimal Art, Michel Fried, überwunden, "against interpretation" zu arbeiten. Josiah McElheny aus New York besteht auf einer Re-Interpretation der Diskussion um das Ornament in Wien nach 1900. Seine Antwort stellt sich gegen Adolf Loos‘ Kriminalisierung des Ornaments - zugunsten von Josef Hoffmann und Koloman Moser.

Hoffmanns Pavillon aus Glas von 1925 für die Design-Expo in Paris wurde teils in Handarbeit, was die Ornament-Siebrucke auf über hundert Glastafeln betrifft, neu gestaltet als "Ornament Museum". Einen Stock über der wertvollen Kernsammlung von Kunst und Kunsthandwerk um 1900 konfrontiert uns McElheny mit dem Porträtfoto eines Models im eigens nach geschneiderten Schwarzweißstreifen-Reformkleid von Emilie Louise Flöge, der Muse Gustav Klimts. Dieses Kleid trägt die Berliner Schauspielerin Susanne Sachsse für ihre Performance im gegenüber dem Aufgang platzierten Glaspavillon namens Ornament Museum.

Ornament und Unterbewusstes


Der Titel ist einem Text Paul Scheerbarts zur kristallinen Glasarchitektur entnommen, mit der sein Freund Bruno Taut in den 1920ern Furore machte. Sachsse betont in ihren Gesten zu Leseposen und Ansprache sowohl das fantastische Kleid, mit dem sie auch die vielen Treppen des Hauses zum Ausklang hinabsteigt, als auch die Erklärung des Ornaments, in die sie das Publikum einbezieht. Sie agiert als tanzende Kuratorin, Textsprecherin, aber auch Teil des Kunstwerks.

McElheny hat nämlich einen weiteren Aspekt einbezogen, der Wien um 1900 mit Amerika verbindet: Sigmund Freuds Psychoanalyse. Und so stellt er die sieben Ornamente auf den Gläsern auch auf einer Schautafel zu Beginn mit dem Unter- wie Unbewussten in Bezug, aber auch mit vorbewusst, neurastenisch, monomanisch, "homöostalisch" und "echolalisch".

Das auf diese Weise animierte Ornament erfährt durch die Text-Ansprache Sachsses vor den Glasplatten im und außerhalb des Pavillons seine Neuinterpretation im historischen Rückblick auf den Ornamentstreit. Die Opposition zur internationalen, klar funktionalen und industriell gefertigten Designproduktion streift damit nur die These des Kunsthistorikers Alois Riegl, des ehemaligen Kustoden des MAK. Er hob das Kunstgewerbe auf eine neue Stufe der Ästhetik, ließ erstmals Hochkunst mit Alltagskunst verschleifen.

Der Wiener Aufbruch in die Moderne schied die Geister, auch merklich in den zwei Phasen des Baushauses; bei McElheny kommt der ersten, handwerklichen, mit Einbezug des Körpers und der sinnlichen Erfahrung in Räumen durch Tanz und esoterischem Gesamtkunstwillen, eine aktuell höhere Bedeutung zu. Wir sollen uns einfühlen in die Architektur, uns durch Sachsse während ihrer Performances ins Ornament einweisen lassen und nicht dem Muster-Ikonoklasmus frönen, mit dem sich Loos und LeCorbusier durchsetzten gegen die Wiener Sucht auf Ornamente.

Diskussion um Abstraktion


Interessant, dass Hoffmanns Formenkanon und Architektur derzeit hier wie international so viel Aufmerksamkeit gewidmet ist - auch die Formkunstausstellung des Belvedere startet mit seinem geometrischen Relief aus der Beethovenausstellung der Secession 1902 als Statement, das die Diskussion um Abstraktion wie Zwölftonmusik stets beflügelte. Seine Form des Glas-Pavillons für Paris wollte Brückenschlag sein hin zum kristallinen Ornament des expressiven Taut oder Hermann Finsterlin. Für McElheny, der den Pavillon von John Vinci bauen ließ, entsprechen die Ornamente den sieben Bewusstseinszuständen, die er angibt. Er hat vor seinem Museum im Museum in Texten der Zeitschrift "Art Forum" auf die Ausstellungen zu Wien um 1900 reagiert, die MAK-Kurator Christian Witt-Döring nach New York brachte.

ausstellung

Ornament Museum

Bärbel Vischer (Kuratorin)

MAK Gegenwartskunstsammlung

Bis 2. April 2017