Nicolas Schöffers "Microtemps Nr. 15" aus 1965 besteht aus einem Holzkasten mit Metallfolie, rotierenden Aluminiumscheiben, Plexiglas, Farbfolien und Lampen. - © Belvedere/Bildrecht
Nicolas Schöffers "Microtemps Nr. 15" aus 1965 besteht aus einem Holzkasten mit Metallfolie, rotierenden Aluminiumscheiben, Plexiglas, Farbfolien und Lampen. - © Belvedere/Bildrecht

Mit dem Versuch einer freien Rekonstruktion der legendären Kinetika-Ausstellung von Werner Hofmann 1967 im 20er Haus legt die Nachfolgeinstitution eine heute wesentliche Schiene der Nachkriegsavantgarde frei. Es war allein Hofmanns Verdienst, erstmals mit internationalem Blick und Werkbeispielen auf eine Tradition hinzuweisen, die in Wien zu Unrecht ein Schattendasein neben der informellen Malerei und dem aufkeimenden Aktionismus fristete: die den Kinetismus fortsetzende Op-Art, jene Wahrnehmungskunst, die mit neuesten Materialien Malerei und Bildhauerei zu überwinden suchte und sich daher nach 1950 in Europa verbreitete.

Animierte Medienkunst

Das Bild wurde zum Objekt, das sich mit teils farbigem Licht und eingebautem Motor für Bewegungstaktung auch im Raum zur animierten Medienkunst wandelte. Die Programme wurden noch kompliziert mit Glühbirnen und Elektrotoren vor dem Computer erstellt, die Künstler standen jedoch mit der zeitgleichen Informationstheorie eines Max Bense und neuen Kommunikationstheorien in Amerika im Austausch. Hofmann hätte zu dem innovativen Thema gerne eine Schau von Harald Szeemann übernommen, doch konnte er die finanziell leistbare, eigens konzipierte "kinetika" durch gute Beziehung zu zwei Avantgardegalerien in Paris und Esslingen bestücken.

Nicht nur die ovalen Objekte von Gerhard von Graevenitz oder Jean Tinguelys Stäbe drehen sich vor Schwarz oder Weiß im Kreis, hier ist auch der Brückenschlag zur Schau "Abstract Loop Austria" beabsichtigt, denn Helga Philipp, Marc Adrian, Hermann Painitz und Richard Kriesche waren Hofmanns Wiener Protagonisten zu internationalen Größen wie Marcel Duchamp, Josef Albers, Victor Vasarely, Ernst Mack oder Martha Boto. Die kleine Szene dieser an geometrischen Formen und maschinellen Materialteilen neuester industrieller Prägung wie Plexiglas, Industriegitter und Neonlicht interessierten Szene, war in Europa überschaubar. Diese Szene forderte eine aufklärerische Logik in der Zeit nach 1945 ein, die sich der anonymen Reihe, dem Zufall, Licht und visueller Forschung eher als neue Ingenieure widmeten und sich vom romantischen Geniebegriff verabschiedeten. Man signierte nicht, das Konzept war entscheidend. Kriesche betont immer, wie einsam Hofmanns Vorstoß in Wien in diese Richtung war, denn Art-Club und die Avantgardegalerie Otto Mauers deckten das Phänomen nur peripher ab.

Erst heute werden die Parallelen zu Museen in New York, Amsterdam und zur wichtigen Ausstellungsreihe "Neue Tendenzen" in Zagreb, aber auch die Etablierung der konkreten Kunst in Süddeutschland und der Schweiz gesehen. Mithilfe eines Privatsammlers kommen in zwei Räumen die wichtigsten Vertreter der "kinetika" wieder zu Ensembles zusammen, nicht sklavisch kopiert, mit 25 statt 106 Objekten, aber mit einigen Originalen, die vorübergehend an den Ort zurückkehren, an dem damals versucht wurde, der Kunst neue Impulse zu geben. Lichtspiel und optische Täuschung der "Wahrnehmungsmaschinen" sind heute nach der Neo-Geo-Bewegung der späten 1980er Jahre von großer Wichtigkeit wie die steigende Anzahl von Ausstellungen und auch die Nachfrage in Galerien beweisen.

Zu Unrecht fast vergessen sind Günter Fruhtrunk, Toni Costa, Lily Greenham, Enzo Mari oder Koloman Novak, dessen Leuchtkasten Hofmann damals ankaufte und der sich daher in der Sammlung des Mumok befindet. Nicolas Schöffers "Microtemps Nr. 15" spielt alle Stücke und ist in seiner rotierenden Farb-Komplexität nur durch Nennung aller eingesetzten Einzelheiten halbwegs nachvollziehbar.