• vom 03.05.2016, 17:02 Uhr

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Update: 03.05.2016, 17:16 Uhr

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Nein, das Bild ist nicht besoffen. Jan Maarten Voskuil baut einfach nur geile Keilrahmen ("Distorted View I", 2016).

Nein, das Bild ist nicht besoffen. Jan Maarten Voskuil baut einfach nur geile Keilrahmen ("Distorted View I", 2016).© Jan Maarten Voskuil Nein, das Bild ist nicht besoffen. Jan Maarten Voskuil baut einfach nur geile Keilrahmen ("Distorted View I", 2016).© Jan Maarten Voskuil

Wer hat Angst vor der 31. Fee?

(cai) Was sieht man wohl in einer Ausstellung, deren Titel folgende Rechenaufgabe ist: "30 x 30 x 30"? Einen Würfel mit einem Volumen von 27.000 Kubikzentimetern? 27.000 Exponate? Nein, 30 Leute interpretieren in der zs art galerie das kompakte Format 30 mal 30. Eine reichhaltige Hommage an die Vielfalt der Kreativität. Denn wenn 30 das Gleiche machen (also Kunst), ist das nicht dasselbe.

Da gibt’s die Konstrukteure und Mathematiker. Den Gerhard Frömel etwa mit seiner akribischen Plattentektonik. Die Aluplatten verschieben sich im Auge des Betrachters zur perfekten Geometrie. Oder Sigurd Rompza. Klare Objekte in ebenso klaren Farben. Regina Zachhalmel näht dagegen ungeniert zerknautschte Pyramiden aus Ikeastoffen, die sie mit anderen Mustern übermalt hat. (Grabbauten für die Malerei?) Filippo Borella, ein Reißverschlussvirtuose, ein "Jack the Zipper", erzählt einen tragikomischen Witz. (Baumelt das Griffplättchen eines Zipps einsam von einer leeren Leinwand. Ende.) Und gelangt mit diesem grenzgenial frechen Minimalismus zur Schlusspointe seiner Kunst. 900 Quadratzentimeter in Moll: Robert Staudinger schminkt Gesichter mit Lösungsmitteln ab, wischt sie malerisch vom Foto. Und wenn Guido Zehetbauer-Salzer mit kräftigem Strich seine Spaziergänge durch die Natur notiert? Nennt man das dann Stimmungsexpressionismus?

Das mit Abstand emotionalste Opus (voller Herz und Schmerz) hat man leider ein bissl versteckt. Na ja, es war halt nur Platz für 30 Gäste. Dabei hat Gustav Slupetzky nix weniger als eine allumfassende Darstellung der Liebe in diesen handlichen Bilderrahmen reingequetscht. (Lauter Buchrücken von Liebesromanen.) Hoffentlich flucht die 31. Fee nicht so arg wie die 13. oder wie der Tutanchamun.

zs art galerie
(Westbahnstraße 27 - 29)
30 x 30 x 30, bis 12. Mai
Mo. - Fr.: 11 - 19 Uhr
Sa.: 11 - 15 Uhr

Ist die Leinwand wirklich kitzlig?

(cai) Vielleicht sollte man neben die Bilder von Jan Maarten Voskuil lieber Speibsackerln griffbereit hinhängen. Nein, nicht weil die Arbeiten so schlecht wären. Im Gegenteil. Die sind ausgesprochen gut gemacht. Wenn man sie allerdings zu lange anschaut, wird man womöglich seekrank. Ein paar davon haben einen ziemlich hohen Seegang. Wellen sich in der Galerie Peithner-Lichtenfels in die dritte Dimension hinein. Und der Betrachter verliert im sinnlichen Glanz schon einmal die räumliche Orientierung. (Ach was, so wild schwanken sie auch wieder nicht. Sonst würde die Farbe über den Bildrand schwappen.)

Dafür wird doch nicht dasselbe mysteriöse Phänomen verantwortlich sein, das bereits die Bananen krümmt, die ja in Wahrheit eh gerade sind, aber wegen dieser Raumkrümmung . . .? Oder werden die Bananen bis zur Ernte bloß regelmäßig gekitzelt, dass sie sich vor Lachen krümmen? Beides kann man für diese raffiniert gewölbten Gemälde wohl ausschließen (Gravitationsanomalien im Atelier oder dass die Leinwand kitzlig wäre). Also eine optische Täuschung? Illusionsmalerei? Monochrome Op-Art? (Von "optical".) Eher handfeste "Hap-Art". (Von "haptic".) Der 3D-Effekt ist so echt, der Künstler muss sogar Lärmschutzkopfhörer aufsetzen. Jedenfalls solange er mit der Stichsäge an seinen ausgeklügelten, komplexen Keilrahmen werkt. Hinten Heimwerker-Konstruktivismus, vorne eine irritierende und betörende, lebendige Oberfläche, mit einer einzigen Farbe perfekt besprüht. Ein Spielplatz für Licht und Schatten. (Und nicht selten besteht ein Bildobjekt gleich aus mehreren "Puzzleteilen".)

He, sind die hocherotischen, schwarz lackierten Dinger überhaupt jugendfrei? Nicht, dass das abstrakte Sexpuppen für Voyeure wären, aber die Blicke werden von den unanständigen Einbuchtungen und Spalten regelrecht eingesaugt. "Pointing in horizon" ist sowieso eine Sadomaso-Landschaft. Der Horizont ist eine klaffende Wunde, die Nacht trägt hautengen Latex. Faszinierende Ausstellung. Und nicht nur was für Lackfetischisten (äh, nicht nur für Autofahrer?).

GPLcontemporary
(Sonnenfelsgasse 6)
Jan Maarten Voskuil, bis 27. Mai
Di. - Fr.: 10 - 18 Uhr
Sa.: 10 - 16 Uhr





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Dokument erstellt am 2016-05-03 17:05:05
Letzte Änderung am 2016-05-03 17:16:21



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