Lorenz Seidler vertritt die seit den 1990er Jahren stärker werdende Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, die als Methode "künstlerische Forschung" genannt wird. Beruflich zwischen mehreren Stühlen sitzend, ständig fotografierend, traf man ihn in den letzten zwei Jahrzehnten bei fast jeder Pressekonferenz an. Sein in Plastikkisten gelagertes Begleitarchiv über das Kunstgeschehen in Wien und den Bundesländern ist angewachsen, da er nicht nur in Museen und Galerien, auf Kunstmessen und bei Performances dokumentiert, sondern vermehrt die neuen Orte der Kunstproduktion aufsucht. Als partizipatives Ausstellungsprojekt zwischen großer Ausstellungshalle und den Galerien des Essl Museums passt sein Labor daher als Zeichensetzung des ständigen Wandels in der Gegenwartskunst sehr gut als vorläufig letztes Projekt vor der Schließung als Sichtung einer chaotischen Sammlung.

Der Kunstkommunikator

Seidler, der sich als Kunstkommunikator auch im Netz "eSeL" nennt und sein Pseudonym mit Maske und Logos zur Schau trägt, kann zwar dem Wortspiel zwischen eSeL und Essl einiges abgewinnen, kam aber ungeplant in diese Situation des Finalisten. So thematisiert er durch Fotografien und Flyer nicht nur vergangene Ausstellungen im Haus (wie die brisante Fotoschau von Bettina Rheims oder Deborah Sengls Rattenparade), sondern auch die seiner Meinung nach fatale Schließungen mittlerer Ausstellungshallen in Wien in den letzten Jahren. Man denke an Generali- und Bawag-Foundation.

Erstmals ist seine Methode offen und bebildert. Somit korrespondiert er natürlich auch mit dem großen Mnemosyne-Atlas Aby Warburgs, verfolgt die absichtliche Unabgeschlossenheit aber in die kommunikative Breite der sozialen Netzwerke.

Doch eSeL konfrontiert das Publikum neben Vernetzung auch vor Ort mittels Fragebogen mit den Gretchenfragen, was sich in der Kunst in den letzten 17 Jahren geändert hat, wie man dies beurteilt und was man noch geändert haben möchte. 17 Jahre gibt es ihn und gab es in Klosterneuburg Ausstellungen im Essl Museum. Diese Übereinstimmung vernetzt Seidler zeitlich mit andere Kunstinstitutionen und Fragen. Dabei ist die laborhafte Schau nicht chronologisch ablesbar, sondern nach Themen aufgebaut, wobei selbst die Logos, Einladungen, Flyer oder Plakate anderer Häuser und ihre Veränderung zur Sprache kommen. Bussikultur und Events, aber auch sogar die Farben Gelb, Gold oder der berühmte Dürerhase aus der Albertina sind wichtige Teile einer Materialschlacht, die Lust an der Teilnahme vermitteln möchte.

Seidler hat mit einem Kunstgeschichte- und Philosophiestudium begonnen. Seine Kunstrezeption startete er mit einem Newsletter, der sich zu einer Plattform aus Onlinediensten ausgeweitet hat und ein offenes Büro, zuweilen Beiträge im Schaufenster des sich ständig verändernden Museumsquartiers nach sich zog, sowie viele andere Projekte im öffentlichen Raum bedient. Natürlich ist er auch sein eigener Kurator und Vermittler.

Neben Computer, Drucker, Videobildschirm, den angeschleppten Archivkisten und ihren noch erweiterbaren Themengruppen an sieben Wänden gibt es wichtige Fotostrecken zu sehen. Diese Beobachtungen im Kunstumfeld mit der Kamera beleuchten neben der kritischen, teils subversiv politischen Auseinandersetzung des Kunstkommunikators, speziell seine künstlerische Seite.

Momente und Kämpfe

Als Fotograf geht er mit viel Ironie vor, fängt Künstlermomente und Kulturkämpfe ein, verletzt jedoch nie die Privatsphäre der teils bekannten handelnden Personen. Seidler folgt der wertfreien künstlerischen Recherche, wie kürzlich auch Johanna Kandl mit ihrem Projekt zur Terpentinerzeugung im Essl Museum als "konkrete Kunst" voll biografischer Details. Die Antworten gibt nicht der Künstler, sie müssen von den Besuchern selbst kommen. Er beurteilt nicht, sondern lässt alle aus seinen Archivalien sprechen - in Text und Bild. Davor fügt sich ebenso sympathisch ein Gedächtnisraum für Gunter Damisch mit dessen bunten Gemälden am Beginn der Ausstellungshalle als eine Art abschließende Debatte zwischen eSeL, Essl und uns.