• vom 24.05.2016, 16:35 Uhr

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Update: 24.05.2016, 16:46 Uhr

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Kiss and kill: Skelette busseln auf dem Geldschein. Währung: Schuss? "Black Note" (Detail) von Gudrun Kampl.

Kiss and kill: Skelette busseln auf dem Geldschein. Währung: Schuss? "Black Note" (Detail) von Gudrun Kampl.© Galerie Steinek Kiss and kill: Skelette busseln auf dem Geldschein. Währung: Schuss? "Black Note" (Detail) von Gudrun Kampl.© Galerie Steinek

Gut, besser, am pessimistischsten

(cai) Wo das Denken aufhört, dort fängt möglicherweise die Kunst überhaupt erst an. (Das bedeutet nicht, dass Künstler Trottel wären.) "Die Grenzen des Denkens" heißt zumindest eine Ausstellung zum 90er von Hannes Schwarz, und der hat besagte Grenzen mit Pinsel, Tusche, Blei- und Buntstift gesucht. (Und angeblich sogar mit der Windel seiner Tochter. Im Zuge eines "Materialdrucks".) Und hat den Menschen gefunden. Oder: die menschliche Existenz.

Meist ist die Stimmung düster und ein bissl unheimlich. Selbst in der grünsten Landschaft stehen ein paar dürre Bäume etwas verloren herum. "Ich glaub, er war ein pessimistischer Humanist", sagt Galerist Thomas Mark, der mit dem Künstler befreundet war und nun zwei Jahre nach dessen Tod die gar nicht so kleine Retrospektive zusammengestellt hat. Ein Stück Stoff auf einem Stuhl fühlt sich hier menschlich an. Schwarz war ja ein hervorragender Zeichner. Sein dichter, feiner Strich hält einem Blick mit der Lupe stand.

Beim Kampf um Wien hat ihm ein Russe einst die Waffe an den Kopf gehalten, und das Geräusch der Ladehemmung hat sich ihm ins Hirn eingebrannt. Drastische Körperdarstellungen (deformiertes, verstümmeltes Fleisch) zeugen vom Trauma des Krieges, durch das ihm auch die Falschheit der Nazi-Ideologie bewusst geworden ist, mit der man ihn in der NS-Ordensburg indoktriniert hatte. Neben Alpträumen und Mahnmalen gibt’s aber genauso ein Bild, das aussieht, als hätten es Miró und Kandinsky zusammen gemalt.

Humor hat der Steirer ebenfalls gehabt. Ein Gemälde mit mageren Haxen drauf trug den Arbeitstitel "Die Beine von Dolores". Nach dem Schlager aus den 50er Jahren. Tja, das machen nur die Beine der Dolores, dass die Senores jetzt alle in die Artmark Galerie gehen.

Artmark Galerie
(Singerstraße 17)
Hannes Schwarz, bis 4. Juni
Do., Fr.: 13 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 15 Uhr

Da ist viel Loos

(cai) Als Notwehr geht das jedenfalls nimmer durch. Das ist schon ein Verbrechen aus Leidenschaft. Obendrein ist Gudrun Kampl eine Serientäterin, die ihre Straftaten ungeniert ausstellt. Als Kunstwerke. Und wieso ist sie noch nicht verhaftet worden? Na ja, weil "Ornament und Verbrechen" halt kein Kapitel im Strafgesetzbuch ist, sondern eine Schrift von Adolf Loos. (Das Ornament, besonders auf Gebrauchsgegenständen, ist ein "Verbrechen an der Volkswirtschaft", vergeudet Arbeitskraft, Material und Kapital, schädigt den Menschen in seiner kulturellen Entwicklung . . .)

Gudrun Kampl ersetzt im Titel gleich einmal das Und durch ein Oder und entscheidet sich fürs Ornament. Infiziert die Galerie Steinek genüsslich mit der "Ornament-Seuche" (Loos). Ihre üppig verschnörkelten, filigranen Zeichnungen (Kunststoff aus der Klebepistole) sehen aus wie Häkelspitze und auf Leinwand wie Stickereien, aber der Dekor hat’s in sich. Jetzt wird man für eine Klebepistole einen Waffenschein beantragen müssen. Zwischen Blumen, Torten und Loos-Zitaten: Pornoposen. Und auf der mit Revolvern garnierten Banknote schmusen zwei Skelette. Geld - die gefährlichste Waffe.

Das zügellose Ornament wird hier regelrecht zum entfesselten Unbewussten. Die Mona Lisa feiert eine lesbische Orgie. Die Phantasie eines Louvre-Besuchers? Und der Freud spinnt. Quasi. Hat acht Beine. An denen er Stöckelschuhe trägt. Freudantula. Oder Freudipus? Die Spinne soll im Traum ja die Mutter symbolisieren. He, ist es eigentlich posthume Körperverletzung, wenn man einen toten Architekten tätowiert, noch dazu einen, für den Tätowierte generell kriminell und degeneriert waren? ("Wenn ein Tätowierter in Freiheit stirbt, so ist er eben einige Jahre, bevor er einen Mord verübt hat, gestorben.") Oder ist das ausgleichende Gerechtigkeit? Schließlich ist Adolf Loos wegen der Sache mit den minderjährigen Mädeln nicht in den Häfen gegangen.

Komplex, frech, provokant, manchmal vielleicht ein bissl billig. Kampls sinnlich schlaraffische Ausschweifungen sind beides: oberflächlich und tiefsinnig.

Galerie Steinek
(Eschenbachgasse 4)
Gudrun Kampl, bis 1. Juni
Di. - Fr.: 13 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 15 Uhr





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-05-24 16:38:05
Letzte Änderung am 2016-05-24 16:46:33


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Geboren 1979 in Bregenz, 2001- 2005 Studium Medienübergreifende Kunst bei Prof. Bernhard Leitner, Universität für Angewandte Kunst... weiter




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