Anti-akademisch: Das Werk Johann Hausers ist in Gugging anhand von rund 200 Bildern zu bewundern. Hier ein Schloss aus der Perspektive des 1996 verstorbenen Künstlers. - © Privatstiftung - Künstler aus Gugging
Anti-akademisch: Das Werk Johann Hausers ist in Gugging anhand von rund 200 Bildern zu bewundern. Hier ein Schloss aus der Perspektive des 1996 verstorbenen Künstlers. - © Privatstiftung - Künstler aus Gugging

Neben anderen Zentren der Art Brut in Heidelberg oder Lausanne hat sich das 2006 gegründete Museum Gugging zu einem der Kompetenzzentren für jene Kunstrichtung etabliert, die auf einen Begriff Jean Dubuffets (1901-1985) von 1945 zurückgeht. Der französische Maler, Objekt- und Aktionskünstler, ehemalige Weingroßhändler und Sammler behielt sich das Recht vor, zu bestimmen, welchen Künstler er in seine "rohe Kunst" eingemeindete. Etwa Gaston Chaissac, der wie Adolf Wölfli, den er "Grand Wölfli" nannte, in den letzten Jahren in Gugginger Sonderausstellungen neben Aloïse zu Gast war.

Dubuffets Alleinvertretungsanspruch wurde von Starkurator Harald Szeemann bekämpft, der Begriff auf weitere Felder übertragen. Gleich nachgeborenen österreichischen Künstlern (wie Peter Pongratz oder Arnulf Rainer) hatte sich Dubuffet von der anti-akademischen Ursprungskunst anregen lassen, einer von Trends unbeeinflussten Formensprache und teils fantastischen Ikonografie, die von Autodidakten mit geistigen Behinderungen, aber auch von Kindern und naiven Laien außerhalb jeder Kunstgeschichte geschaffen wird.

Ein Künstler ist ein Künstler - egal, woher

Am 5. Juni wird das Museum Gugging als Aushängeschild der niederösterreichischen Kulturbetriebe mit dem Landeshauptmann die feierliche Eröffnung der Jubiläumsausstellung über seinen Starkünstler Johann Hauser (1926-1996) zelebrieren; zu Ansprachen kommen Lesungen, Führungen und ein Jubiläumsspiel. "Johann Hauser . . . der Künstler bin ich!" zieht sicher auch die Künstler Franz Kernbeis, Karl Vondal, Arnold Schmidt, Leonhard Fink oder Günther Schützenhöfer an, die heute im nahegelegenen "Haus der Künstler" wohnen und im offenen Atelier des Zentrums nicht nur zeichnen, sondern zuletzt am 18. Mai an eigenen Kunstinstrumenten auch musizierten.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Interesse an der Kunst schizophrener oder manisch-depressiver Patienten erwachte, die zuerst als Beschäftigungstherapie genutzt wurde, haben Bücher der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn die Avantgarde so stark angeregt wie die ethnografischen Blicke über Europas Grenzen hinaus. In heutiger postkolonialer Sicht ist diese Konstruktion des "anderen" alles andere als politisch korrekt, weshalb der heutige Museumsdirektor Johann Feilacher (neben seiner Doppelrolle als Psychiater und Bildhauer) es ablehnt, noch von Patientenkunst zu sprechen. Künstler ist Künstler, egal woher.

Der Weg der Gleichbehandlung ist auch mit dem Oskar-Kokoschka-Preis an die Künstlergruppe in Gugging um den verstorbenen Johann Hauser 1990 befördert worden, und seit den späten 80er Jahren sind die Preise für ihre Werke am Kunstmarkt gestiegen - Hausers Blätter, egal ob seine Flugzeuge, Raketen, blauen Sterne oder bunten Frauendarstellungen, erzielen oft gleich hohe Preise wie jene der "neuen Wilden" Maler, die wie die "Wirklichkeiten" von ihm angeregt wurden.

Hauser zählte zur ersten prominenten Art-Brut-Künstlergruppe nach 1945, in der damals noch als Nervenheilanstalt in Maria Gugging oberhalb von Klosterneuburg geführten Einrichtung. Mit August Alois Walla und Oswald Tschirtner, aber auch dem Literaten Ernst Herbeck wurde das große künstlerische Talent des manisch depressiven Hauser von Psychiater Leo Navratil (1921-2006) entdeckt. Seit 1946 in Gugging, wurde er 1956 Primar und widmete sich sein Leben lang der Erforschung, Förderung und Würdigung der von ihm "zustandsgebunden" genannten Kunst. Er publizierte ihre bislang dem Arztgeheimnis unterlegenen Werke, 1978 schrieb er sein erstes Buch über Hauser, stellte die Künstler in Avantgarde-Galerien wie der nächst St. Stephan in Wien aus. Bald waren sie auch international in Museen gefragt. Daneben ermöglichte er ihnen ab 1981 ein von den anderen Patienten losgelöstes Leben, was sich mit der Wohngemeinschaft im "Haus der Künstler", ab 1983 in Zusammenarbeit mit Nachfolger Feilacher, noch verbesserte.

International positioniertes Zentrum

1986 ging der von Walla "Hofratius" oder "Oberhofrat" genannte Erfinder der Einrichtung dann in Pension. Feilacher betrieb die Loslösung von der Landesnervenklinik, die schließlich im Jahr 2000 erfolgte; er konnte den ehemaligen Pavillon für Kinder zum Art Brut Center Gugging umgestalten lassen. Dieses ist - nach Gründung einer Galerie Gugging zum Verkauf der Werke, einem Archiv, einer Privatstiftung und einem Verein der Freunde mit bisher 150 Ausstellungen - ein international positioniertes Museum.

Etwa 3000 Werke sind vorhanden für den Leihverkehr, von den 1600 Zeichnungen und 150 Radierungen Hausers werden nun etwa 200 Hauptwerke zu sehen sein. Wer mit dem Auto beim Museum am Berg über dem Maria Gugging Campus ankommt und den Beatles-Song vom "Fool on the Hill" im Kopf hat, muss nicht politisch inkorrekt sein - auch Pop hat seinen Beitrag zum Interesse an der Art Brut geleistet.