Es sind sanfte, melancholische Klänge, von denen man sich schon im Stiegenhaus angezogen fühlt, noch bevor man der Arbeiten von Sigalit Landau im Obergeschoß des Wiener Künstlerhauses ansichtig wird. Die Wiener Festwochen widmen der israelischen Künstlerin hier eine erste Retrospektive mit Fokus auf die Videoarbeiten, die Landau in den vergangenen 15 Jahren neben Skulpturen und Installationen geschaffen hat. Die Musik allerdings, sie kommt aus einer Spieldose, die als Schmuckschatulle dient. Als Camille Saint-Saëns "Der sterbende Schwan" lässt sie sich identifizieren. Anstelle der Ballerina rotiert hier jedoch ein Döner Kebab, der Blutspuren im Kästcheninneren hinterlassen hat. Die Arbeit ruft ambivalente Gefühle hervor, pendelt zwischen Anziehung und Abstoßung - Gegensätze, denen man auch in den Videoarbeiten immer wieder begegnet.

In "Barbed Hula" aus dem Jahr 2000 etwa, in der die Künstlerin in der Abenddämmerung an einem menschenleeren Strand im Süden Tel Avivs einen Hula-Hoop-Reifen aus Stacheldraht um ihre nackte Taille kreisen lässt. Als Teil der Ausstellung "Attack! - Kunst und Krieg in den Zeiten der Medien" verstörte die an Assoziationen reiche Arbeit schon 2003 in der Kunsthalle Wien. Der Stacheldraht lässt nicht nur an territoriale Grenzziehungen denken, sondern auch an die Dornenkrone. Der weibliche Körper, erotisch und gepeinigt, wiederum gilt seit den Anfängen der feministischen Kunst als Verhandlungsort von gesellschaftlich relevanten Konfliktthemen.

Wirklichkeitsbewältigung

Individuum, Körper und kulturelle Identität sind die Themen, die Sigalit Landau in ihrem Werk ins Zentrum rückt. Die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in Israel geben ebenso wie individuelle Erfahrungen, Sehnsüchte und Erinnerungen den Anstoß zu einer außergewöhnlich poetischen Form der Wirklichkeitsbewältigung, deren metaphorische Qualität sich auch auf andere kulturelle Kontexte übertragen lässt.

Ins Zentrum der Ausstellung hat Landau den Videoloop "DeadSea" aus 2005 gesetzt. Wie ein Gutteil der filmischen Werke der Künstlerin aus der Vogelperspektive aufgenommen, zieht die Arbeit durch ihre starke ornamentale Qualität in den Bann. Zu sehen ist eine Kette aus 500 Wassermelonen, die sich im türkisfarbenen Meer zu einer Spirale geformt hat. Manche der Früchte sind gebrochen, geben ihr leuchtend rotes Inneres zu sehen. Inmitten dieser Formation treibt die Künstlerin selbst. Nach und nach beginnt die Spirale sich aufzulösen, zieht im Zuge dessen den nackten Körper mit. Landau hat mit "DeadSea" ein starkes Bild vom Kreislauf des Lebens, vom Werden und Vergehen geschaffen. Die Melone, ein Fruchtbarkeitssymbol, wird in der Heimat der Künstlerin oft von palästinensischen Arbeitern geerntet. Das Gießen mit salzhaltigem Grundwasser macht ihr Fruchtfleisch besonders süß.

Aus Zeiten der Diaspora

In "Salame‘" aus 2007 beugt sich eine Person aus dem Fenster eines verfallenen Hauses, um schwarze Farbe an der Außenmauer aufzutragen. Landau bezieht sich hier auf eine alte jüdische Tradition aus Zeiten der Diaspora. Bei neu errichteten Häusern wurde ein Teil des ostseitigen Gemäuers in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem nicht verputzt.

Nahezu physisch spürbar wird der Vorgang der Olivenernte, der wie ein Hagelregen anmutet und den Landau in einer dreiteiligen, raumgreifenden Videoinstallation zelebriert. Zur Ernte werden Maschinen eingesetzt, die die Bäume heftig rütteln, damit die Früchte herunter fallen. Auch diese Arbeit lässt gesellschaftskritisches assoziieren. Man denkt an den Nahostkonflikt im Konkreten und an das Thema Entwurzelung generell.

"Azkelon", eine weitere Arbeit aus 2011, spielt direkt auf diese Problematik an. Gezeigt werden drei Männer bei einem Messerwurfspiel, bei dem es um das Abstecken, Übertreten und Auslöschen der im Sand gezogenen Grenzen geht. In eine ähnliche inhaltliche Kerbe schlägt Landau auch mit "Knafeh" (2014), einem der visuell sinnlichsten Videos in dieser Schau. Wie in "DeadSea" zeigt die Kamera das Geschehen in Aufsicht, in diesem Fall den nahezu malerischen Prozess der Zubereitung einer arabischen Süßspeise. Rote, grüne und blaue Zutaten werden dabei kunstvoll vermengt, während die Pfanne auf der Herdplatte kreist, bis die scheibenförmige Masse zum Verzehr in Stücke geteilt wird. Wieder ist sie da diese Beschäftigung mit Vorgängen wie Schneiden und Verteilen, mit Nahrung und Drehbewegungen. Als immer wiederkehrende Motive prägen sie einige der in dieser Schau gezeigten Werke. Stets zeigt die Künstlerin das Geschehen aus einer feststehenden Kameraeinstellung, wodurch das Performative stark in den Vordergrund rückt.

Insgesamt 17 Stationen umfasst der Parcours durch die poetische wie kritische Kunst von Sigalit Landau, deren bildhauerisches Schaffen man ebenfalls gerne einmal in Wien in größerem Umfang sehen würde.