Ausspannen in den Achtzigern: New Brighton, aus der Serie "The last resort". - © Martin Parr/Magnum Photos
Ausspannen in den Achtzigern: New Brighton, aus der Serie "The last resort". - © Martin Parr/Magnum Photos

Etwas Besseres hätte der Aida kaum passieren können - marketingtechnisch gesehen. Einen Gutteil seiner neuen Fotoserie aus Wien hat der britische Starfotograf Martin Parr nämlich in der rosa Traditionskonditorei gemacht. Es ist nicht irgendein Rosa. "Es ist ein sehr Mut machendes Rosa", sagt Parr im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Verantwortlichen haben ihn auch in die Fabrik vorgelassen - mehr oder weniger schmackhafte Bilder vom Striezelflechten oder vom Einbau der (reichlichen) Mayonnaise in die Schinkenrolle zeugen davon. Eine andere Wiener Institution wiederum hat Martin Parr nicht eingelassen: der Opernball. Das hat ihn wenig angefochten, er hat seine Fotos eben am Kaffeesiederball, Bonbonball und zum Kontrast am Rosenball gemacht.

Martin Parr gilt als jener Fotograf, der Klischees in den leuchtendsten Farben schrill ausleuchtet. Und da hat er in Wien sein Paradies gefunden. "Eure Klischees sind sogar wahrer als wahr", sagte er bei der Presseführung am Donnerstag. "Ihr seid so eine altmodische Stadt!" Das meint Martin Parr aber nicht böse. Also wahrscheinlich nicht. Der britisch-trockene Humor des Mannes lässt da so manchen Zweifel offen.

Britische Lieblingsthemen

Die Wien-Serie ist aber nur ein Teil der Retrospektive, die nun im Kunsthaus Wien zu sehen ist. Sie zeigt die vielen Facetten dieses Humoristen mit dem Ringblitz, der so gewitzt vor allem, aber nicht nur seine Landsleute porträtiert. Die Schau zeigt sowohl seine Anfänge, die er noch in Schwarzweiß bestritt, die aber schon ein Lieblingsthema der Briten behandelt: "Bad Weather". Seinen internationalen Durchbruch schaffte er, nachdem er auf die für ihn typische Hyper-Farbigkeit umgestiegen war. Mit der Serie "The last resort" über das teils recht jämmerliche Strandleben in New Brighton in den 80ern. Unspektakuläre Szenen, wie die Jugend, die sich auf der Straße sonnt, werden zu spektakulären Bildern, weil Parr das ausschlaggebende Detail sieht: Und so scheint es, als ob da jemand sein Badetuch und sich selbst in resignierter Untergangsstimmung direkt vor eine Straßenwalze gelegt hat. Auch ein Kommentar zur Thatcher-Ära.

Martin Parr, aufgenommen in einem mexikanischen Studio, 2008.
Martin Parr, aufgenommen in einem mexikanischen Studio, 2008.

Die bestechendsten Bilder sind jene, in denen Parr die Ironie von Situationen mit der Kamera einfängt. Ein Foto seiner Schottlandserie etwa zeigt ein paar erbärmliche Ribiseln auf einem Blümchendekorteller, darunter das Schild: Dritter Platz beim Gärtnerwettbewerb.

Manchmal ist Parr dieser eine Moment hold, der ein gutes Foto zu einem genialen macht: Etwa bei jenem Bild aus seiner Reportage "Luxury", das einen Mann vor einem Gemälde bei der Kunstmesse in Dubai zeigt. Beide, Mann und Gemälde, sind mit denselben Jackson-Pollockigen Schmiertupfen verziert.

Ein Highlight der Schau sind sicher die Fotos von "Bored Couples", also von gelangweilten Paaren. Parr gelingt es da beispielhaft, die vertraute Alltäglichkeit der Fadesse in unterhaltsame, aber gleichzeitig entlarvende Kompositionen zu packen. Auf einem der Fotos ist er übrigens selbst zu sehen. Das ist auch so ein Thema von Parr: Schon lange bevor Selfies zur globalen Obsession geworden sind, hat er sich in Fotoautomaten beziehungsweise -studios auf der ganzen Welt ablichten lassen. Herausgekommen ist ein skurriles Portfolio, das auch teilweise in der Schau zu sehen ist. Da gibt es Fotos mit Parr neben Putin im Judoanzug, da gibt es Parr an einen Riesenplüscheisbär in der Coca Cola World in Atlanta gekuschelt, da gibt es Parr im Oktoberfest-Lebkuchenherz.

Dem Selfiestick getrotzt

Feiert er da eine sterbende Kultur? "Die stirbt gar nicht. Ich habe so ein Foto ja auch am Kaffeesiederball gemacht. Da stellen sich die Menschen stundenlang an. Trotz Internet, trotz Smartphone, trotz Selfiestick wollen sie immer noch solche altmodischen Fotos haben", sagt er im Gespräch. Eine aufgeblasene Version dieses Ballfotos steht übrigens im Kunsthaus - man kann da ein Selfie mit Martin Parr machen. Auch eine Ironie.

Dann kann man das Selfie zum Beispiel auf Instagram teilen. Plattformen wie diese findet Parr, Präsident der berühmten Fotoagentur Magnum, interessant. Kein Wunder, passiert dort doch etwas, was er auch schon seit Jahren praktiziert: das obsessive Fotografieren von Essen. "Das ist das neue Ritual. Essen sieht einfach gut aus auf Fotos." Die von Parr festgehaltene Kulinarik reicht von gigantischen Schnitzeln über bienenbevölkerte Baklava bis zu Burger in Micky-Maus-Hülle. Oder Würstel, gehalten von einer Dame im güldenen Abendkleid, eine Wiener Kombination, die Parr besonders beglückt: "So etwas kann man nicht erfinden."

Was sagt aber ein jahrzehntelanger Beobachter des britischen Lebensstils zur "Brexit"-Abstimmung? "Ich bin sehr proeuropäisch, ich habe auch schon abgestimmt, mit Wahlkarte. Ich hoffe, dass, wie in Österreich, die Wahlkarten das Ergebnis verträglicher machen. Ich denke aber, dass es sehr knapp werden wird."