• vom 14.06.2016, 16:53 Uhr

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Himmel unter Tage: Adam de Neiges Blau kommt aus einer afghanischen Mine.

Himmel unter Tage: Adam de Neiges Blau kommt aus einer afghanischen Mine.© Adam de Neige Himmel unter Tage: Adam de Neiges Blau kommt aus einer afghanischen Mine.© Adam de Neige

Schlampen mit

und ohne "sch"


(cai) Ist das Ding da in der Auslage nicht ein bissl sexistisch? Sieht irgendwie aus wie ein missglückter Glühbirnen-Witz.

Also. Was ist knallrot, hat Brüste wie Wassermelonen und einen Kopf wie eine Orange und hält eine voll funktionstüchtige Tischlampe? Ähm, Pamela Anderson, die darauf wartet, dass die Birne endlich kaputt geht, weil sie nicht glauben kann, dass man echt nur fünf Blondinen braucht, um sie zu wechseln? Falsch. Eine Lampe von David Ben White ("Red Lamp"). Aber bevor jetzt alle Feministinnen von Wien vor der Galerie Engholm demonstrieren (gegen die Erniedrigung der Frau zum Einrichtungsgegenstand): Durch die ins Groteske gesteigerten Formen distanziert sich der Brite eh schon selber von allem, was man ihm da womöglich vorwerfen könnte. Überhaupt thematisiert er klug und frech (und höchst ästhetisch, in bestechender grafischer und farblicher Klarheit) die Beziehungen zwischen dem Innen und Außen. Unter besonderer Berücksichtigung des Schaufensters.

In den Mischtechniken "Outside Inside" (modernistische Interieurs, stylish eingerichtet mit Designermöbeln und Kunst) gehen Privatsphäre und Öffentlichkeit laufend ineinander über. Dank der Fensterfronten. An den Galeriewänden: bunte Balken. Echos der Bilderrahmen. Und der gemalte Raum setzt sich leibhaftig fort: Eine idolhafte Dame vereint sich in 3D mit einem Freischwinger. Macht sich da etwa jemand mit einer betont unsinnigen Verschmelzung von angewandter und darstellender Kunst lustig über das Gesamtkunstwerk der klassischen Moderne?

Die auch stilistisch spannenden Porträts von kreativen Frauen, wo sich Realismus mit Geometrie mischt, geben der männlichen Architekturszene am Ende zumindest ein paar weibliche Gesichter.

Kerstin Engholm Galerie

(Schleifmühlgasse 3)

David Ben White, bis 25. Juni

Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr

Sa.: 12 - 16 Uhr

Auch das Blau

hat seine Grenzen

(cai) Was kostet ein Stück vom Himmel? Na ja, ein großes 3800 Euro, ein kleines 320. Gut, eigentlich stammt der Himmel, der in der Startgalerie an den Wänden hängt, ja aus dem Boden. Aus einer Mine im Hindukusch.

Wenn Adam de Neige uns nämlich das Blaue vom Himmel heruntermalt, verwendet er nur natürliches Ultramarin. Ein sauteures Pigment. Gewonnen aus dem Halbedelstein Lapislazuli. Und man muss es aus Afghanistan herankarren. Das Blau mit der höchsten Leuchtkraft ist eben not for everybody. Im Mittelalter und in der Renaissance hat die Madonna jedenfalls nicht irgendein dahergemaltes Blau getragen (wenn man es sich leisten konnte).

Der 1987 in Teheran geborene Künstler, der heute in Wien lebt, malt mit dieser Luxusfarbe nun ausgerechnet auf schäbigem Beton. Arbeitet genussvoll und sinnlich den Kontrast heraus zwischen seiner feinen, ätherischen Malerei (die Wolken sind übrigens ordinäre Ölfarbe) und dem rohen, sehr irdischen Untergrund. Subtil verschmelzen im elitären Blau Kunstgeschichte und Gegenwart. Themen wie "Unfair Trade" und Migration schwingen mit. Und sind Mauern nicht aus Beton?

Gewöhnliche Salzstreuer (Meersalz!) hat de Neige ebenfalls diskret aktualisiert. ("Ich bin halt ein Künstler und kein Aktivist.") Gestapelt ergeben sie zusammen eine alltägliche maritime Szene. Ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer. (He, Ultramarin kommt ja genauso von jenseits der See: "ultra mare.") Und wenn man die Virtual-Reality-Brille aufsetzt, kann man sich sogar an zwei Orten gleichzeitig aufhalten. Die Grenzen zwischen dem Galerieraum und dem Cyberspace verschwimmen.

Der traumlogische Bezug zum Rest der Ausstellung wird einem bald klar. Es regnet tote Seepferdchen (die sind das Logo auf den Salzstreuern), das Massengrab wird geflutet und hebt in den Himmel ab. Das 360-Grad-Video kann man sich aber auch am Smartphone anschauen (https://www.youtube.com/watch?v=xMlkOTlaOeA). Überall. Ohne Visum. In diesen sparsamen Arbeiten steckt so viel mehr drin, als man ihnen ansieht.

Startgalerie im MUSA

(Felderstraße 6 - 8)

Adam de Neige, bis 25. Juni

Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr

Do.: 11 - 20 Uhr

Sa.: 11 - 16 Uhr




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