Poetisch wird Beton oft erst in der Fotografie: Thomas Demand hat in "Brennerautobahn" von 1994 ein dreidimensionales Papiermodell der Autobahn abgelichtet. - © VG Bild-Kunst, Bonn/Bildrecht GmbH, Wien
Poetisch wird Beton oft erst in der Fotografie: Thomas Demand hat in "Brennerautobahn" von 1994 ein dreidimensionales Papiermodell der Autobahn abgelichtet. - © VG Bild-Kunst, Bonn/Bildrecht GmbH, Wien

Er galt und gilt als der Stoff, aus dem die Träume sind. Zumindest als Baustoff. Das Bauen hat er jedenfalls nachhaltig revolutioniert. Er ist fest und dennoch höchst flexibel und es gelang mit Beton, die baulichen Lücken nach den Weltkriegen relativ schnell und vor allem kostengünstig zu schließen. Vielen galt und gilt er schlicht als der Baustoff der Moderne. So sind mit Beton nicht nur architektonisch herausragende oder zumindest spektakuläre Bauwerke verbunden, er steht auch für eine gesellschaftliche Utopie der Spätmoderne. Sogar einen eigenen Stil prägte er in den 1960er Jahren: den Brutalismus. In den 1980ern vor allem wegen des Scheiterns der mit ihm verbundenen Träume in Verruf geraten, erfreut sich Beton wieder zunehmender Beliebtheit. Auch in der Welt der Kunst.

Die Kunsthalle Wien würdigt den progressiven Baustoff und präsentiert die künstlerische Auseinandersetzung mit Beton in rund 30 höchst unterschiedlichen Positionen. Vor allem wird mit dieser Ausstellung das Haus selbst zum Objekt - mit den nackten, rohen Betonplatten der Wände und den blanken grauen Stufen. Da hätte es die Beton-Tapete im Inneren gar nicht mehr gebraucht. Auch wenn an der Tatsache, dass die Kuratoren - Kunsthalle-Direktor Nicolaus Schafhausen und Dramaturgin Vanessa Joan Müller - hier aus 50 Motiven wählen konnten, die Beliebtheit von Beton überrascht.

Beim Betreten der Ausstellungshalle im Obergeschoß wird die Monumentalität des Baustoffes klar: In drei meterhohen Säulen nimmt die gebürtige US-Amerikanerin Jumana Manna mit ihrer "Government Quarter Study" auf den Regierungssitz in Oslo Bezug, der beim Anschlag von Anders Behring Breivik 2011 schwer beschädigt wurde, und in Norwegen ein Monument der Erinnerung ist. Eines von mehreren Werken, die illustrieren, dass Beton "immer auch gebaute Ideologie" gewesen sei und als solche gelesen werden könne, so Müller.

Zum Schmunzeln ist dagegen Klaus Webers "Clock Rock", eine Pendeluhr ohne Zeiger und Ziffernblatt, die Beständigkeit von Stein und die Vergänglichkeit der Zeit pointiert verknüpft. Eine spannende filmische Arbeit stammt von der Ägypterin Heba Amin. Sie hat verlassene Beton-Ruinen ihrer Heimat gefilmt und mit Nachrichten der Plattform Speak2Tweet unterlegt - eine Aktion, mit der es möglich war, trotz der zeitweisen Internet-Sperre im Arabischen Frühling, via Festnetz Texte auf Twitter abzusetzen.

Arbeiten aus dem Bereich der Fotografie sind in der Schau, dem Thema entsprechend, sehr stark vertreten. Ihnen allen haftet jedoch eine nicht nur leise Form der Wehmut, der Tristesse und des Scheiterns an. Hochästhetisch und sehr expressiv sind etwa die Aufnahmen von Beton-Bauten der italienischen Nachkriegsmoderne von Werner Feiersinger. Er inszeniert die Bauten wie Skulpturen, unterstreicht ihre architektonische Besonderheit, in der noch die (gebrochenen) Versprechen mitschwingen, mit denen sie erbaut wurden. Die Utopien sind weiter gezogen, der Beton ist (verwaist) zurück geblieben.

Bewahren und Erinnern


Diesen verlassenen, oft auch abgerissenen Gebäuden und dem Bewahren ihrer Erinnerung hat sich auch Isa Melsheimer verschrieben. Mit ihren Arbeiten konzentriert sie sich auf den Brückenschlag zwischen Retro-Charme und futuristischer Note, die Betonbauten lange gekennzeichnet hat. Sie hat sie in Aquarell porträtiert, futuristisch in den Weltraum versetzt und ihnen in Skulpturen und Keramiken schlichte Denkmäler gesetzt.

Einige der Arbeiten sind spannend, mitunter amüsant. Doch der rote Faden, der diese einzelnen Positionen zu einer spannenden Schau macht, ist relativ dünn. Dass Beton in den Arbeiten präsent ist, ist eine doch recht schwache Klammer, bedenkt man die Vielzahl an Bereichen und Stilen, in denen dieser Baustoff vorkommt. Auch die spannenden utopistischen, sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen in und hinter den Werken hätten mehr Raum verdient. Eine sehenswerte Schau, die jedoch hinter den Möglichkeiten des Themas zurückbleibt.

Ausstellung

Beton

Vanessa Joan Müller und Nicolaus Schafhausen (Kuratoren)

Kunsthalle Wien

bis 16. Oktober