Nach Olafur Eliasson ist der in den USA umstrittene, 1972 geborene Sterling Ruby der zweite Künstler, der sich auf die militärische Rhetorik des Prinzen Eugen im Winterpalais einlässt und diese mit den üblichen postkolonialen Tönen der Gegenwartskunst dekonstruiert. Dabei bleibt er ohne große didaktische Ausrichtung, lehnt sich eher an die Pop- und Hippiekultur seiner Vätergeneration an, weshalb auch Alexander Calder, Constantin Brancusi oder Robert Rauschenberg als indirekte Zitate sichtbar bleiben.

Seine Interventionen im Winterpalais sind gleichzeitig die erste Personale des Künstlers in Europa. Der in Los Angeles mit großer Werkstatt handwerklich von Malerei über Keramik, Stoff und hin zu Metallskulpturen und Polyurethan, viele Techniken perfekt durchspielende Künstler bewahrt sich trotz politischer Aussage über soziale Missstände unserer Gesellschaft mit Werken wie "Reflex Maximus" oder seinen großen Soft-Sculpture-Puppen, die als Paare ineinander verschlungen sind, die bekannte West-Coast-Leichtigkeit. Sie bilden, im rotzigen Feminismus ähnlich den Dummys von Sarah Lucas, einen größtmöglichen Gegensatz zur barocken Ikonografie der Gelehrten um Prinz Eugen. Im "Schlachtenbildersaal" stellt Ruby eigenartige Gebilde aus Stahl auf, die als Kleinskulpturen aus Stahl den Konstruktivismus eines Kasimir Malewitsch wie den "Brutalismus" der Architekten der klassischen Moderne, aber auch die Waffenzitate des Arte Povera-Künstlers Pino Pascali von etwa 1980 gedanklich kombinieren.

Man muss die neuen Siegesmale, die parallel zu anderen Kriegsschauplätzen aufgerichtet sind wie jenen des Prinzen Eugen, nicht mögen, effektvoll sind sie doch. Zudem versorgen sie den Kunstmarkt und seine kapitalistischen Auswüchse mit aggressiver Rhetorik. Brauchen wir Widersprüche zum Aufrütteln oder eher harmlose Begleiter des Krisengeschreis? Wir jammern mit Ruby auf hohem Niveau, und schon der Hausherr tat dies nach seinen Feldzügen beim Kartenspiel.

Amorphe Keramikteile und befleckte Maurerhosen


Der neue Hippie Ruby vergreift sich gerne an den nationalen Zeichen des Kalten Krieges - die amerikanische Flagge wird nicht nur zu großen Kunst-Fahnen umgenäht, wobei das Weibliche dieser Tätigkeit (Nähen der Fahnen) ihm so wichtig ist wie die Stoffmuster-Zitate seiner Spraypaintings. Umgeben von einer folkloristischen Bordüre ist Zierrat mit altem Goldrahmen-Dekor verdoppelt. Die Farbigkeit - Ruby bevorzugt Braun, Grün oder Lila und Grau - kombiniert sich zu Feldern in Art der US-amerikanischen "Stars and Stripes", die er zur Bordüre verkommen lässt. Oder er näht Fahnenlogos zu großen weichen Kerzenskulptur-Formen aus Fliesstoff zusammen. Im Modus eines Vanitas-Symbols ist eine Kerze umgefallen.

Die Konzeptkunst bekommt ihr Fett ab, wenn er in Mobiles der "Scales"-Serie sowohl amorphe Keramikteile als auch befleckte Maurerhosen, Drogentest-Kits oder Verpackungsmaterial verwendet. Zu den Kronleuchtern bilden diese kinetischen Alltags-Pendel disparate Pendants, das Fragment aus dem Müll in unserer Gegenwartskunstästhetik kritisch ansprechend. Rubys große Keramiken wie "Sandal" bilden nur Schuhe nach, was auch bei den "Hikern" aus Bronze der Fall ist. Daneben sind in der Serie "Basin Theology" misslungene wie zerbrochene Keramikteile zusammengesetzt. Mit roter Glasur gefüllt oder überzogen, bringen sie Assoziationen zu blutigen Sohlen sowie die gedankliche Verbindung zum prähistorischen Ursprung dieser Technik. Die Perfektion üppiger Glasuren geht auf seine Begeisterung für den westdeutschen Stil der "Fat Lava"-Töpferei zurück.

Die Geburt von Sterling Ruby 1972 auf dem Luftwaffenstützpunkt der US Air Force in Bitburg verleitet leicht zu biografischen Assoziationen bei waffenähnlichen Kleinskulpturen, selbst wenn sie zum "Peace Head" umgeformt sind. Wie bei Alberto Giacomettis ist dieser zuerst in Ton geformt mit sichtbaren Berührungsspuren und dann erst in Metall gegossen. Selbst "Mr. Reuptake" weist sprachlich auf die enorme Bedeutung des Handwerklichen in Rubys Werk hin. Dass er ehedem nützliche Gegenstände zu archäologischen Fragmenten transformiert und auf den ersten Blick unansehnlich macht, ist so zeitbedingt wie man ihm die Korrespondenz mit der Mode vorwirft. Die "Flags" spielen nicht nur auf Jasper Johns an - als "Window Quilt/Americana" mit gebleichtem Jeansstoff, der auch in den Puppen auftaucht, ist es die Behauptung der Einfachheit gegenüber Europas immer noch spätromantischer "Tiefsinnhuberei" in der Kunst.

Ausstellung

Sterling Ruby

Mario Codognato (Kurator) Winterpalais bis 16. Oktober