• vom 14.07.2016, 16:15 Uhr

Kunst

Update: 15.07.2016, 09:20 Uhr

Comic

"Also zeichne ich"




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Von Martin Reiterer

  • Anna Haifischs leuchtende Comics über die Leiden des Künstlers.

Der Künstlervogel, dem gerade nichts einfällt.

Der Künstlervogel, dem gerade nichts einfällt.© Reprodukt Der Künstlervogel, dem gerade nichts einfällt.© Reprodukt

"Sollte dein Wohnzimmer nach Katze und Federn riechen - / dann hat ein Künstler / hinter einem deiner Holzmöbel Unterschlupf gesucht." Fröhlich kreisen Anna Haifischs Comics um den Mythos Künstler. "The Artist" heißt ihr zweiter Comic, nur ein halbes Jahr nach ihrem Debüt, "Von Spatz", erschienen. Darin lässt sie Walt Disney ins "Von Spatz Rehab Center" einliefern, einen "Pavillon für Visionäre", wie dessen Frau ihn nennt, denn das "Wort Nervenheilanstalt fand sie obszön". "The Artist" hingegen versammelt zehn dreiseitige Folgen der gleichnamigen Comicserie, die zuvor als Webcomic auf vice.com zu lesen war und ebenda wöchentlich fortgesetzt wird.

Was ist es, das den Betrachter angesichts von Anna Haifischs Comics derart entwaffnet? Und das, obwohl ihre Protagonisten allesamt an Depressionen leiden, ausgebrannt und abgezehrt sind oder anderswie mit der Gefühlsskala des Künstlerdaseins nicht zurechtkommen. Haifischs Comics sind bevölkert von Tierfiguren, vornehmlich von komischen Vögeln, schlanken, blassen Gänsen, gelegentlich mit lustigem Hut, die übrigens da und dort eine Feder gelassen haben.


Distanzierte Vögel
Bereits der Künstlername ist Programm, das Meerestier Haifisch mit Webadresse hai-life.com. Der Kunstgriff der anthropomorphen Tierdarstellung ist engstens mit dem Medium Comic verknüpft. Man denke nur an Robert Crumbs "Fritz the Cat" (1965) oder Art Spiegelmans "Maus" (1992). Der unschätzbare Vorteil dieser archaischen Form der Selbstbetrachtung des Menschen ist eine geradezu maßgeschneiderte Distanz jenseits von triefender Weinerlichkeit und diesseits von kaltschnäuzigem Zynismus. Haifisch jedenfalls nützt diese Indirektheit der Tierdarstellung gezielt und raffiniert. Freilich kommt es auch auf den ihr eigenen Strich an, die reduzierte Zeichnung, die innig gezeichneten Figuren, den Witz, die Bildkompositionen mit dem dezenten Mise-en-scène-Chaos und schließlich die leuchtenden Farben - vorzugsweise Lachsrosa und Sonnengelb, mitunter Himmelhellblau -, als antidepressives Gegenmittel zu den vielfältigen Leiden.

Gut bestückt mit diesem ästhetischen Rüstzeug knöpft sich die junge Leipziger Verlegerin ("Tiny Masters", Comics in Hosentaschengröße), Festivalveranstalterin ("Millionaires Club") und vielgereiste Zeichnerin schonungslos und liebevoll die Mythen des Künstlerlebens vor und nützt dabei zweifellos eigene Erfahrungen ebenso wie den Fundus der Kunstgeschichte. Ihre Comics sind voller Zitate und Anspielungen von Caspar David Friedrich, Carl Spitzweg, Marc Chagall, "Marcel ‚Douche‘ Champ" bis hin zu ihren Kollegen Trondheim, Sfar, Hanselmann. Insbesondere die ganzseitigen Panels wie die Eröffnungsseiten zu ihrer "Artist"-Serie eignen sich für Schlüsselzitate wie etwa Spitzwegs "Der arme Poet". Dabei sind hier weniger die Armut des Künstlers im Vordergrund als vielmehr Lähmung, Blockade wie auch Verweigerung. "Der Preis für das Privileg der Künstler, wahnsinnig und exzentrisch sein zu dürfen, ist hoch. Bezahlt wird er mit Gemütszuständen zwischen Depression und Hybris."

Relevanz von Kunst
Die Comiczeichnerin spürt alltäglichen Phänomenen nicht eingehaltener Abgabetermine, der Scham gegenüber eigenen Arbeitsergebnissen oder schlicht den Folgeerscheinungen extensiver Partybesuche nach, die über das Künstlerdasein weit hinausgehen. Doch dringen die Comics immer wieder zu den gesellschaftlichen Fragen der Relevanz von Kunst und Künstlern vor. Die einstige Kindheitsvorstellung ihres Alter Egos, der Künstler sei "verantwortlich / für all die Schönheit in der Welt", wird konterkariert durch ein zutiefst gestörtes Verhältnis zwischen Gesellschaft und Künstler. Geschützt vom Charme der (Selbst-)Ironie werden so Fragen des Lebens aufgeworfen. Geradezu verzweifelt stellt sich der Künstler in "The Artist" die Frage: "Wie kann ich jemals irgendjemandem / in dieser Welt nützlich sein?" Nicht die schlechteste Antwort darauf legt die Zeichnerin Walt Disney in den Mund: "Würde ich nicht zeichnen, lebte ich lasterhaft und wäre der / Gesellschaft eine Gefahr. Also zeichne ich."

Derzeit zeigt die Zeichnerin Bilder ihres Alter Egos aus "The Artist" in der Wiener Galerie Diana Lambert: "The Artist Ist Not Present", bis Ende Juli.

"Von Spatz". Rotopolpress

"The Artist". Reprodukt

www.wienerzeitung.at/comics




Schlagwörter

Comic, Anna Haifisch, Kunst

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-14 16:20:06
Letzte Änderung am 2016-07-15 09:20:05


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